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Feldweg #1

Porsche 911 vs. BMW 1100 S.

Ein Blech, das aussieht als hätte man sie dem Chassis in Unterdruck übergezogen, eine makellose Haut über einer noch makelloseren Form. Ganz tief liegt er auf der Straße, der Unterboden berührt beinahe den Asphalt, und doch wird der Wagen von vier breiten Pneus getragen, die auch in der schnellsten Kurve wie ein Kaugummi auf dem Asphalt kleben bleiben. Der Motor singt im Bariton, noch schöner als all die Lieder, die über diesen Wagen gesungen werden. Springt der Sechszylinder-Boxer an, ist es, als ob er wahrhaftig springen würde; nur mit viel Technik und ein wenig menschlicher Anstrengung gelingt es überhaupt diesen glanzlackierten Keil in Zaum zu halten. Und doch: Obwohl dieser Bolide - trotz GTO, Lamborghini und Quattroporte - das Nonplusultra im alltäglichen Straßensport ist, im Gegensatz zu einem halbwegs anständigen Sportmotorrad hat er ungefähr soviel Sexappeal wie ein Opel Astra. Der Sportwagen beschleunigt, überholt und verzögert wie ein Rennmotorrad, doch geschieht dies unter vergleichsweise behaglichen Umständen. Während man mit 250 Sachen locker an der davor fahrenden S-Klasse vorbei zieht, kann man in Ruhe einen Caffe Latte trinken, sich die Buddenbrooks vorlesen lassen oder mit seinem Börsenmakler telefonieren. Als Fahrer einer schnellen BMW 1100 S besitzt man zwar nur einen zweizylindrigen Boxer, aber auch die Erkenntnis, das man auch ICE fahren kann, wenn man schnell einen Kaffee trinken möchte. Es ist ein ganz anderes Gefühl, wenn man auf dem Bike mit 120 um eine Kurve fliegt. Zwischen Fahrer und Asphalt nichts als ein bisschen Luft. Jede Fliege, jede Unebenheit wird unmittelbar erfahren, jede Kehre eine echte Herausforderung – ohne Airbag, ESP und Getränkehalter. Der Fahrer wird mit der Maschine eins. Nicht weil er - wie beim Autofahren - vom Fahrzeug geschluckt wird wie die Fliege von der Fleisch fressenden Pflanze, sondern weil der Motorradfahrer von dem Moment an, in dem er auf dem Sattel sitzt, sich förmlich in die Maschine einrastest wie ein iPod ins Sounddock. Und wie der iPod ohne Dock keinen Ton herausbringen würde, macht die Maschine ohne den Piloten keinen Mucks. Dunkel blubbert sie beim Starten, kreischt wie ein Flugzeug beim Hochdrehen und zischt – ein Vakuum hinter sich lassend durch die Straße.

Anders als beim Autofahren wird die Garage vor dem Motorradfahren zu einem Ort der Verwandlung. So wie Bruce Wayne in der Bathöhle zum Batman wird, wird hier der Mensch zur Maschine. Wie der Superheld stattet man sich mit einem der Körperform angepasstem High-Tech-Equipement aus, das dem Fahrer übermenschliche Fähigkeiten verleiht. Der Körper wird in fingerdickes Leder verpackt, eingenähte Hartschalen schützen Knie, Ellbogen und Schultern. Ein Rückenprotektor, dessen Design dem Rückgrat eines Aliens nachempfunden ist, schmiegt sich an die Wirbelsäule. Der Helm gibt der diabolischen Maske den Rest. So ausgestattet kann man schon mal mit Hundert aus der Kurve fliegen und einigermaßen glimpflich davonkommen – Batman lässt grüßen.  Eine weitere Parallele: Der Motorradfahrer erhält dank der Maschine Superkräfte, die auf scheinbar magische Weise direkt auf ihn übertragen werden. So wie der Motor in der Lage ist, in einer Minute unglaubliche sieben-, achttausend Stöße zu vollbringen, schärfen sich die Sinne des Fahrers und verdichten sich zu einer Art übernatürlicher Konzentration, die es erlaubt sich und seine Maschine schadlos durch den Verkehr zu bringen. Ein Beispiel: Kein Autofahrer denkt sich etwas dabei, wenn eine Schwalbe mit hoher Geschwindigkeit in einem atemberaubenden Bogen an ihm vorüber fliegt, oft nur einen halben Meter an der Windschutzscheibe vorbei. Doch reißt jeder vor Schreck das Steuerrad herum und bringt seine Mitfahrer in Lebensgefahr, wenn ein in froschgrünes Leder verpackter Ninja-Fahrer in einer langen Kurve links an ihm vorbei schießt, um sich, kurz bevor der Sattelschlepper die Gegenfahrbahn dicht macht, vorn wieder einzuordnen. Jeder normal denkende Zeitgenosse greift sich nun an den Kopf und fragt, warum macht der Wahnsinnige das? Ist es Todessehnsucht? Verlängerte Pubertät? Dummheit? Nein, es ist ganz natürlich, wie bei oben erwähnter Schwalbe. Man macht es, weil man es kann.

Der wesentliche Unterschied zwischen Sportwagen- und Motorradfahrern ist nicht etwa das fahrerische Können. Den großen Unterschied macht die optische Symbiose zwischen Mensch und Motorrad. Der Fahrer einer Fireblade Repsol Replica – das ist die der Rennhonda nachempfundene Straßensportmaschine mit außergewöhnlichen, in Leuchtorange lackierten Felgen -  wird penibel darauf achten, dass Helm und Lederkombi ebensolche orangefarbenen Applikationen besitzen. Im Bestfall ist alles aus einem Guss und der Fahrer sieht aus, wie ab Werk mitgeliefert. Ein schönes Beispiel dafür ist Uma Thurmans Auftritt in Kill Bill Vol. 1, als sie in sonnenblumengelber Lederkombi auf einer gleichfarbigen Maschine zum Showdown durch das nächtliche Tokio rast. Da können Porschefahrer nicht mithalten. Ein Blick durch die Seitenscheibe zeigt oft fürchterliche Entgleisungen. In den handgefertigten Rindsledersitzen lümmeln sich übergewichtige Männer in schlecht sitzenden Designer-Outlet-Jeans. Polohemden in Farben, die alles wollen, nur nicht zum Autolack passen. Mattpolierte Fliegeruhren kämpfen gegen das Wurzelholzinterieur. Schnurrbärte, die außerhalb von Köln eigentlich verboten sind. Und spätestens an der Tankstelle, wenn die Fahrer beim Aussteigen ihre weißen Socken zeigen, offenbaren sie dass sie sich zwar ein teures Auto, aber keinen guten Geschmack leisten können. Dagegen sind Motorradfahrer gefeit. Unter den Stiefeln kann man die Sockenentgleisungen nicht erkennen. Und der Integralhelm mit Vollvisier lässt keinen Blick auf Schnauzbärte, pfiffige Brillengestelle und schlechte Frisuren zu. Kurzum, den Unterschied zwischen Sportwagen- und Sportmotorradfahrer macht vor allem eines deutlich: Kaum ein Sportwagenfahrer sieht aus wie Steve McQueen, aber fast jeder Motorradfahrer wie Uma Thurman.

(erschienen in Feld Hommes No. 2)

29.6.11 15:47
 


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