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When Harry Meets Barry

Oder was wäre passiert, wenn „Harry und Sally“ in einer Werbeagentur entstanden wäre

Harry und Sally

„When Harry meets Sally“, deutsch „Harry und Sally“, ist ein wunderbarer, von Nora Ephron geschriebener und Rob Reiner inszenierter Klassiker der neunziger Jahre. Er läutete ein ganzes Genre sogenannter romantischer Komödien ein und ist wohl einer der erfolgreichsten und beliebtesten Filme aller Zeiten. Ich kenne jedenfalls keinen, der – außer „Der Schatz im Silbersee“ vielleicht

öfter im deutschen Fernsehen wiederholt wurde. Harry und Sally bietet nicht nur eine spannende, verwickelte Handlung, intelligente, witzige Dialoge und sensationell gut aufgelegte Schauspieler. In diesem Film gibt es einzelne Szenen, die allein schon zu Filmklassikern wurden: der vorgetäuschte Orgasmus von Sally in „Katz Deli“, oder der todernste Dialog zwischen Harry und seinem besten Freund Jess im Footballstadion, der immer wieder von der La Ola unterbrochen wird. Für mich ist „When Harry meets Sally“ ist einer der intelligentesten, geschmackvollsten und anspruchsvollsten Filme, der trotzdem geschafft hat, Millionen Menschen zu begeistern. Das heißt im Umkehrschluss, so blöd wie viele meinen, kann die sogenannte Zielgruppe nicht sein. Ich frage mich daher immer, was wohl passiert wäre, wenn Nora Ephron Texterin in einer Werbeagentur gewesen wäre. Einem Ort also, wo Filme für die jeweilige Zielgruppe mit großer Akribie perfektioniert, abgeklopft und massentauglich gemacht werden, um im Markt eine möglichst große Erfolgschance zu haben. Und so würde das in etwa ablaufen.

Das Sofa.

Akt 1, Präsentation beim CD.

(Die Handlung von „When Harry meets Sally“ spielt in drei Zeitphasen. Harry und Sally lernen sich als Studenten auf einer Autofahrt von Chicago nach New York kennen, und können sich nicht ausstehen. Dann treffen sie sich – mittlerweile beruflich gesettled – zufällig auf einem Flug nach New York wieder, beide stecken oder steckten in irgendwelchen Beziehungskisten, und Harry findet Sally nun deutlich attraktiver, Wieder ein paar Jahre später laufen sie sich in New York über den Weg. Nun beginnt die Haupthandlung: eine platonische Freundschaft, dann Liebe, Sex, der darauffolgende Schock, die Trennung und das herbeigesehnte Happy End. Interessanterweise werden zwischen die Episoden kurze Sequenzen eingeschnitten, in denen verschiedene alte Paare auf einem Sofa sitzen und mit ihren kleinen Liebesgeschichten die eigentliche Filmhandlung einrahmen. Das ist besonders deshalb von Bedeutung, weil am Ende Harry und Sally es sind, die auf diesem Sofa sitzen und ihre Liebesgeschichte erzählen) Die Texterin sitzt im Büro des CDs und wartet. Vor ihr auf dem Schreibtisch liegt ihr Manuskript. Es ist zerlesen, viele gelbe Post-its kleben darin. Neugierig will sie schauen, was dort angemarkert ist, doch sie traut sich nicht, denn ihr Chef könnte jeden Augenblick hineinkommen, und sie will sich nicht anmerken lassen, wie nervös sie ist, und möglichst cool und überlegen scheinen. Sie weiß, dass sie ein großartiges Manuskript geschrieben hat. Damit wird sie die Präsentation gewinnen. Die Agentur retten. Millionen begeistern. Sie sieht sich bereits auf einer Bühne stehen. Und eine Frau mit unverschämt tief ausgeschnittenen Kleid überreicht ihr lächelnd einen goldenen Nagel. Sie hat nur ein Problem: Wird auch ihr CD von dem Text begeistert sein? Er ist borniert, er ist unfähig, er hat keinen Geschmack, er ist versaut und nimmt sie nicht richtig ernst. Die Texterin kaut noch den Rest ihrer Fingernägel weg und steckt sich eine an. Da kommt der CD rein und denkt, Mann, ist die nervös. Er setzt sich in seinen Sessel, grabbelt sich ebenfalls eine Zigarette aus ihrer Packung und steckt sie an. „Darf ich?“ fragt er erst hinterher und klatscht mit der flachen Hand auf das Manuskript. „Ganz groß“, sagt er dann und lehnt sich zurück. Die Texterin, die eben noch möglichst cool blickte, verliert nun völlig die Fassung und schnattert los: „Ja nicht, ist es nicht süss. Und witzig. Da sind köstliche Gags drin. Meine Freundinnen haben sich kaputt gelacht. Die Szene mit dem Orgasmus! Und der Dialog am Anfang, als er ihr sagt, Männer und Frauen können keine Freunde sein, weil immer der Sex zwischen ihnen steht. Ich hab das meinem Freund gezeigt, der hat natürlich so getan, als wenn das nicht stimmte, also stimmt es doch. Ich meine, das wird ein Blockbuster, oder? Alle werden es lieben. Wir verfilmen es, ja? Sally muss unbedingt Meg Ryan spielen, die ist so süss naiv und kann so sexy sein. Und Harry muss ein cooler Junge spielen. Kennst du Billy Crystal? Aus der Saturday Night Show? Der ist soo großartig, wenn der die Schote mit Mr. Zero bringt, dann...“ So genau hat der CD den Text natürlich nicht gelesen. Dafür hat er eigentlich keine Zeit. Aber er nickt trotzdem. „Ja, cool, ich mein Meg Ryan ist wirklich sexy, fast ideal, würd ich sagen, sie braucht sich nur die Haare rot färben. Und – wie hieß der andere noch mal? Billy Caruso?“ „Billy Crystal!“ „Denn kennt doch keiner.“ „Also, den kennen alle!“ Die Stimme der Texterin wird eine Spur lauter. „Na ja, egal“, meint der CD dann und sieht ihr tief in den Ausschnitt. „Das ist auch ein Nebenkriegsschauplatz. Mir macht was ganz anderes Sorgen...“ „Sorgen!“ Bei der Texterin läuten die Alarmglocken. „Na ja, das ganze ist schon etwas kompliziert, oder?“ „Also“, ruft sie, „das ist doch puppeneinfach, die beiden treffen sich und lernen sich kennen, und gehen dann auseinander und treffen sich wieder und...“ „Ja genau“, unterbricht er sie. Sein Telefon klingelt, aber er lässt es läuten, weil er ihr zeigen will, dass er sie wichtig nimmt. Aber er schielt nervös auf das Nummerndisplay, denn er erwartet einen Anruf seines Therapeuten. „Das ist es ja gerade. Diese Zeitsprünge. Ich denke, den ganzen Anfang kann

man doch weglassen, diese langweilige Autofahrt. Der Quatsch mit dem Männer und Frauen können keine Freunde sein...„Aber das stimmt doch“ sagt sie ärgerlich. Er schüttelt den Kopf. „Nora, wir sind doch auch Mann und Frau, oder? Und zwischen uns steht doch auch nichts sexuelles“, sagt er und bemüht sich, nicht auf ihre enorm großen Brüste zu starren. „Also, die ganze Zeit nur Dialog, keine Handlung, keine Ausstrahlung und dann, wie sehen die dann aus in ihren Jogginganzügen... Nein, das geht schon handwerklich nicht. Zu lang! Das streichen wir.Die Texterin fällt aus allen Wolken. „Sag mal, bist du...„Das geht hier nicht darum, was ich gut finde und denke, sondern was unsere Zielgruppe denkt“, sagt er und nimmt ihr so den Wind aus den Segeln. „Also, wenn Du das vorn kürzt und dann noch diese überflüssigen Szenen auf dem Sofa lässt, das will doch sowieso kein Schwein sehen, diese alten Leutchen, dann wird das eine ganz große Sache.„Aber“, ruft sie, „das ist doch das Beste an dem ganzen Film.“ Verdammt , denkt sie ein Fehler, das ist natürlich nicht das Beste. Jetzt denkt er wieder, ich kann gut nicht von schlecht unterscheiden. „Nora“, sagt er dann, „du hast ein tolles Skript geschrieben. Dass es noch nicht hundertprozentig sein kann, muss dir doch klar sein. Nobody is perfect. Aber wir arbeiten hier doch alle im Team zusammen. Damit aus einem guten Skript ein richtig gutes wird, oder?Da war sie wieder, die Teamkeule. Sie sackt zusammen. „Also, du streichst diese Sofas raus, lässt den Anfang weg. Die beiden können sich doch auf dem Flughafen kennenlernen. Sie ist dann Stewardess oder so. Klingt auch logischer, nicht? Also straff das ganze ein bisschen. Mach es knakkiger. Ich glaube, das wird ein guter Film. Ein großer.Die Texterin steht auf und nimmt das Manuskript in die Hand. Sie sieht nun ein paar Jahre älter aus. Mit hängenden Schultern geht sie zur Tür. „Ach ja“, ruft er ihr hinterher, als sie schon in der Tür ist. „Und denk mal über die Namen nach. Harry und Sally, das findet doch niemand wirklich gut, oder?

Wagenrad.

Akt 2, erste interne Abstimmung mit der Beratung.

(Mary und Jess, die besten Freunde von Harry und Sally ziehen frisch verheiratet zusammen. Dabei stellt Jess seinen ganzen Stolz aus Studententagen, einen Couchtisch, der aus einem alten Wagenrad und einer darüber gelegten Glasplatte besteht im Wohnzimmer auf. Es beginnt nun ein Streit zwischen Mary und Jess, ob dieser merkwürdige Tisch etwas in der neuen Wohnung zu suchen hätte. Wobei Harry am Ende Partei für Mary ergreift, und den beiden dann darlegt, dass sie im Falle einer Scheidung Tausende von Dollar Anwaltskosten ausgäben, um herauszufinden, wem dieser geschmacklose Tisch zustehe) Man sitzt im Konfi. Der Etatdirektor ist mit seinem Assi da, der CD hat zur Unterstützung den übellaunigen Seniortexter mitgebracht (der eigentlich selbst gern CD wäre, aber unfähig ist vorm Kunden zu präsentieren und dieses Manko mit viel Zynismus und Boshaftigkeit innerhalb der Mauern der Agentur kompensiert), und natürlich – als unwichtigste Person und einzige Frau in der Runde - die Texterin, die das Ganze geschrieben hat. Die Luft ist in jeder Hinsicht ziemlich dick. Alle lesen das Skript. Manche lachen. Die Texterin beugt sich dann neugierig vor, um zu gucken, an welcher Stelle gelacht wird. Besonderes Augenmerk richtet dabei auf den Etatdirektor. Lacht er? Findet der das witzig? Mit ihrem CD ist sie den Text nämlich schon durchgegangen. Die Kreation steht wie ein Mann hinter dem Skript. „Sehr lustig“, sagt nun der Etatdirektor. „Aber ob die das verstehen?“ Kinnladen klappen runter. Gesichter verziehen sich. Man will aufspringen und ihn anbrüllen. Doch der CD hält seine Texterin zurück. Noch weiß man nicht, wen der Etatdirektor meint. Ist er wieder mal der vorauseilende Anwalt des Kunden oder spricht er schon von der Zielgruppe. Zum Kunden könnte man ihn jederzeit mit jedem Manuskript treten, da genügte ein Anruf bei Greg, Irving oder David in New York, die ihm die kreative Reputation der Agentur ins Gedächtnis rufen würden. Mehr Sorgen macht allerdings das dicke Büchlein, das der Assi des Etatdirektors nun hervorzieht. „Hier, die KuZuStu 3/91...“ Kuzufu? Die Texterin sieht ihren CD fragend an. „Kundenzufriedenheitsstudie“, flüstert der ihm zu. Schon steht der Assi am Flipchart und legt unmissverständlich dar, dass die Zielgruppe weder in der Lage ist, noch Gefallen daran findet, einen Beziehungsstreit im Film zu verfolgen. „Erstens: Sie verstehen eine Diskussion auf diesem hohen Niveau nicht, da muss man noch einmal ans Wording! Und zweitens:...“ Er wendet sich beflissen an die Texterin. „... ich weiß, wir reden hier über ein Produkt für Frauen, und du bist die einzige Frau in diesem Raum - (er lächelt sie schleimig an) - und noch dazu eine sehr attraktive, aber wir reden hier über Eskapismus. Und die Studie zeigt eindeutig, dass die Frauen zwischen 25 und 45 – und die sind eindeutig unsere Zielgruppe – ein extrem großes Problem damit haben, in Situationen wo sie aus ihrem Alltag fliehen wollen, mit eben diesen Alltagssorgen und dem ganzen Beziehungsscheiß konfrontiert zu werden.“ Da sind alle erst einmal sehr betroffen. Besonders die Kreativen, die der Eskapismuskeule leider nichts mehr entgegenzusetzen haben. Der Etatdirektor wendet sich nun direkt an den CD. „Könnt ihr das glätten?“ Der CD denkt an seine Gewinnbeteiligung und nickt. Und die Texterin fängt gleich an zu weinen. Die Szene wird nun fast zusammengestrichen: Harry ist jetzt nicht mehr anwesend. Mary sagt, der sieht aber gar nicht schön aus, der Wagenradtisch. Und Jess sagt dann, ja du hast recht. Dann küssen sie sich. Und Jess trägt den Wagenradtisch auf die Straße, wo er zufällig Harry trifft, der sagt: Hey super, kann ich den Wagenradtisch haben, den kann ich gut für meinen Partykeller gebrauchen! „Das ist sehr gut“, lobt der Etatdirektor, „da unterstreichen wir sehr schön den etwas verschrobenen Charakter von Harry. Das ist sehr witzig, ich glaube, dass werden alle sehr, sehr witzig finden.“ Und wieder weiß keiner so recht, wen er meint, den Kunden oder die Zielgruppe. Man will nun gerade auseinandergehen, alle kippen schon fast um, denn der Sauerstoffmangel in dem Raum ist enorm. Da beugt sich der Seniortexter, der die ganze Zeit den Mund gehalten hatte langsam vor und sagt kalt lächelnd: „Wagenrad? Ich glaub, das ist geklaut. 1956, „Die Spur des Mustangs“, oder so, ein Film mit Richard Widmark oder Montgomery Clift, da haben die Indianer ihn an ein Wagenrad gebunden und gefoltert...“ „Aber das ist doch ein ganz anderer Kontext“, unterbricht ihn die Texterin schrill, „das hat doch mit unserem Film nichts zu tun. Nur weil ein Wagenrad... Immer musst du meine Sachen abschießen mit dem Hinweis auf alte Filme.“ Der Seniortexter zuckt mit den Achseln. „Wenn wir klauen, werden wir beim ADC nichts gewinnen.“ Da nickt auch der CD. Der Etatdirektor lächelt seinen Assi an und gibt ihm ein Zeichen. Daraufhin sagt der Assi: „Na, das mit dem ADC ist wirklich doof, aber ich glaube eher, dass das Wagenrad Dislikes bei der Zielgruppe erzeugen wird. Wenn die den sehen, denken die doch gleich an Marterpfähle und so.“ Der Seniortexter, der eben noch in seiner Eitelkeit mit großem Filmwissen prahlte, fühlt sich nun bemüssigt, die Kreation zu verteidigen. „Nun mach mal halblang, Axel, das handelt sich hier schließlich um ein Wagenrad, kein Schwein denkt da an Folter.“ An dieser Stelle beginnt nun eine viertelstündige Diskussion über das Für und Wider von Wagenrädern. Der Etatdirektor bietet an, noch einmal das Skript durchzugehen, wobei es ihm gelingt, den Dialog nun auch von der letzten wirklich witzigen Pointe zu bereinigen. Mit größter Mühe schaffen es dagegen, CD, Texter und der herbei geeilten Art Director, das Wagenrad zu retten. Allerdings wird es nicht mehr Gegenstand des Streits zwischen Mary und Jess, sondern bleibt lediglich Requisit, was der Art Direktor richtig cool findet, weil im Schanzenviertel gerade Countrymusic ziemlich hip ist.

Orgasmus.

Akt 3, Schulterblick mit Kunden.

(Harry und Sally sitzen bei „Katz Deli“, essen Sandwiches und unterhalten sich über Sex. Harry erzählt Sally, was er für ein toller Hecht im Bett ist und Sally findet das ziemlich arrogant. Denn Harry meint, er würde jede zum Orgasmus bringen. Auf die Frage, wie er das merken würde, meint er cool, er merke es eben. Daraufhin beginnt Sally mitten im Restaurant einen lauten Orgasmus vorzutäuschen. Alle schauen und eine Frau am Nebentisch bemerkt zum Kellner, dass sie genau das zu essen hätte, was Sally gerade hatte) Beim CD klingelt das Telefon. Der Etatdirektor ist am Apparat. „Ich sag dir eins“, kommt er gleich zur Sache, „mit der Orgasmusszene gehe ich nicht zum Kunden. Das schießen die uns sofort ab.“ „Wie bitte“, bellt der CD ins Telefon, „wir haben jetzt drei Meetings hinter uns und das Manuskript steht. Nora hat die ganze Nacht umgeschrieben!“ „Das ist mir egal. Das musst du ihr eben schonend beibringen. Aber die Szene geht nicht. Der Kunde steht echt auf der Kippe, wenn wir den verlieren, dann gibt es richtig Ärger mit New York.“ So wie der CD gern mit den amerikanischen Agenturgründern Greg, Irving und David droht, pflegt der Etatdirektor seine Trümpfe Bruce, John und Wayne ins Spiel zu bringen. „Was stört dich denn?“ fragt der CD butterweich. „Die Szene ist wirklich lustig und alle wollen sehen, wie Meg Ryan beim Orgasmus aussieht, aber muss es ausgerechnet in einem Restaurant sein. Können die denn nicht zuhause sitzen?“ „Du meinst“, lacht der CD, der immer wieder aufs Neue überrascht ist, wie flach das Niveau des Etatdirectors ist, „sie sollen beim Candlelightdinner sitzen und sie täuscht ihm einen Orgasmus vor? So ohne Publikum, dass ist doch nicht lustig!“ „Warum nicht? Ich habe das gestern abend meiner Frau erzählt und sie hat herzlich gelacht.“ Der CD ruft bei seiner Texterin an und bittet sie, die Szene noch schnell umzuschreiben. Sally täuscht Harry nun zuhause einen Orgasmus vor. „Beim Sex?“ fragt sie. „Nein, beim Essen, sonst ist es doch nicht lustig.“ „Und wer sagt dann, genau das möchte ich auch essen?“ „Das sagt dann Harry“, entscheidet der CD genervt und wirft den Hörer auf die Gabel. Da hätte sie auch selbst drauf kommen können. Eine Stunde später sitzen sie im Konfi. Der Marketingleiter ist da. Schulterblick ist angesagt, dass heißt der Marketingleiter prüft, ob das Präsentierte seinem Chef gefallen würde. „Super“, sagt er, als der CD mit seiner Aufführung geendet hat. Er hat sich wie immer ins Zeug legen müssen und mit dem Manuskript in der Hand den Film richtig vorgetanzt. Das ist in den Augen des Etatdirektors auch dessen einzige Existenzberechtigung. Denn er würde sich niemals dafür hergeben, sich jaulend auf dem Boden zu wälzen, um Meg Ryan beim Orgasmus darzustellen. „Super, ich muss euch wieder einmal beglückwünschen, wie ihr es geschafft habt, in so kurzer Zeit so eine Fülle von Ideen auf den Tisch zu legen. Echt supi, Leute.“ Mit dem Marketingleiter ist man schon auf Du, inklusive Koksbriefchen, Puffbesuchen und schlüpfrigen Witzen. „Also, da muss man nur noch ein paar Kleinigkeiten... Aber dafür sitzen wir ja hier, oder?“ Er grinst in die Runde. Er hatte zwar in deutsch immer eine Vierminus gehabt und Witze kann er auch nicht erzählen, aber er weiß instinktsicher, was ein guter Film war und was nicht. Seine Lieblingsband ist Pur. Der Etatdirektor hat sich schon den Kugelschreiber gegriffen, bereit zu notieren. Der CD schaut dem ML in die Augen und versucht mit telepathischen Mitteln, das Schlimmste zu verhindern. „Also das mit dieser Sally stört mich einfach. Das ist so unoriginell. Da hab ich eigentlich mehr von euch erwartet...“ Er schaut erst den Etatdirektor an, dann den CD. Der wirft seinerseits dem Etatdirektor genugtuende Blicke zu. Sie hätten das Skript doch so lassen sollen, wie es war. Der CD notiert sich schon einmal: Nora anrufen!

„Das ist alles so konventionell, so glatt, wir brachen aber mal was neues. Wie wäre es, wenn nicht Harry und Sally ein Paar wären, sondern Harry und Jess. Ich finde das passt doch, der sieht ohnehin so richtig schwul aus mit seinem Schnurrbart...„Harry und Jess!“ kreischt der CD. „Du willst Harry und Jess zum Pärchen machen? Wie soll denn bitteschön Jess Harry einen Orgasmus vortäuschen?Der Etatdirektor fiel auch aus allen Wolken. Schwule in der Werbung? Das ist mindestens genauso schlimm wie Farbige oder Türken. Aber wenn der Kunde es so möchte? „Mutig!“ entscheidet der Etatdirektor. „Mut ist auch genau das, was unsere Marke braucht.Der CD kann es nicht glauben. „Dann müssen wir ja alles umschreiben... Das Wagenrad... Die Szene im Footballstadion...„Ach, ihr seid doch kreativ“, sagt der Marketingleiter jovial. „Ihr seid mit Abstand die beste Agentur, die wir im Stall haben“, erinnert er die beiden daran, dass es auch Konkurrenz am Markt gibt. „Komm“, sagt der Etatdirektor zum CD, „dann ist Harry natürlich nicht mit Jess im Stadion, sondern mit Sally und sie reden über Jess...„Aber Frauen beim Football?“ Der CD schaut zweifelnd in die Runde. „Nun gut, sie sind eben beim Ballett, das passt dann sowieso besser“, zwinkert der ML dem CD zu. „Und die La Ola? Soll die dort auch stattfinden?„Ihr denkt euch schon was lustiges aus“, lacht der ML und verlässt mit dem Etatdirektor den Raum. Der CD starrt auf seine Notiz. „Nora anrufen“ steht dort. Er streicht ihren Namen durch und ersetzt ihn durch den seines Therapeuten.

Happy End.

Akt 4, Präsentation beim Kunden.

(Harry läuft in der Sylvesternacht durch die Stadt. Er hat gemerkt, dass er Sally wirklich liebt und will sie nun noch vor Mitternacht erreichen, um ihr dann den fälligen Kuss zu geben. Sie hat sich auch schon ziemlich gelangweilt und starrt sehnsüchtig in den Nachthimmel. Harry schafft es natürlich noch rechtzeitig. Sie küssen sich. Feuerwerk. Happy End. Und schon sitzen sie auf dem berühmten Sofa und erzählen uns ihre Liebesgeschichte. Abspann) „Und dann sitzen Harry und Jess auf dem Sofa, halten Händchen und erzählen uns kichernd ihre Liebesgeschichte...“ Stille. Der CD hatte wirklich alles gegeben. Völlig außer Atem lässt er das Manuskript sinken und starrt nun wie alle im Raum den Vorstandsvorsitzenden an, einen Mitte Sechzigjährigen, ein Duzfreund von Helmut Kohl und Kirchenvorstand in St. Michaelis. Der Vorstandsvorsitzende weiß nicht so recht, wie er aus dieser peinlichen Situation herauskommen soll. Er findet das Ganze unerträglich, doch möchte er auch nicht als unmoderner Knacker gelten. Und schließlich hat sein Marketingleiter

in einer 40-minütigen Strategiepräsentation eindeutig bewiesen, dass die Zielgruppe, also die Frauen zwischen 25 und 45 auf Homosexuelle nur so abfährt. „Mutig!“ brummt er. „Das müssen wir in den Test geben.„Gute Idee“, ruft der Etatdirektor geflissentlich. Er weiß, das sie zum Testen eigentlich keine Zeit haben und der Marketingleiter nun sagen wird: „Aber Herr Vorstandsvorsitzender, wir haben eigentlich keine Zeit zum Testen. Die Schauspieler sind gebucht, die Location ist fixiert, jeder Ausfalltag würde uns Hunderttausende kosten.„Nun, dann sind wir in der Bredouille“, knurrt der Vorsitzende. „Ohne Test kann ich das nicht freigeben. Das werden sie verstehen. Das Risiko ist zu groß.„Aber Kolumbus konnte die Entdeckung Amerikas doch auch nicht testen“, ruft der CD laut. „Die Zeiten erfordern eben mutige Entscheidungen.Alle starren den CD an, der soeben sein Todesurteil unterschrieben hat. "Es gibt einen schmalen Grat zwischen Mut und Dummheit. Man muss es nur vermögen, ihn zu erkennen", sagt der Vorsitzende ruhig und blickt den CD scharf an. Er kann diesen Harlekin ohnehin nicht ernst nehmen. Wie kann man sich nur am Boden wälzen und wie eine Tunte einen Orgasmus vortäuschen? Widerlich. Dann steht er auf und beendet die Diskussion. „Lassen Sie sich was einfallen“, sagt er und blickt nun den Etatdirektor an. „Irgendetwas, das den Leuten gefallen wird. Das ist doch nicht so schwer, oder?Dann verlässt er grußlos den Raum. Alle starren sich an, jeder sucht den Schuldigen. „Das mit der Schwuchtel war so eine Scheißidee von Dir“, zischt der Etatdirektor dem CD zu. Der springt auf und will entgegnen, dass es die Scheißidee des hirnverbrannten Marketingleiters gewesen war, doch der Etatdirektor tritt an sein Schienbein und schneidet ihm das Wort ab. „Halt die Schnauze und tu, was ich dir sage. So kannst du deinen Arsch noch retten.Die Taktik wird schnell besprochen. Der CD nimmt alles auf sich, dafür entschuldigt ihn der Etatdirektor beim Vorstandsvorsitzenden und verspricht, dass er den CD nie wieder sehen müsse. Und der Marketingleiter sorgt im Gegenzug dafür, dass Greg, Irving oder David in New York nichts von diesem Fiasko erfahren werden. Dann machen sie sich an die Arbeit. (Harry sitzt allein auf dem Sofa und lächelt. Dann hört man ein Hecheln und Harry lacht an der Kamera vorbei. Harry klopft mit den flachen Händen auf seine Schenkel und ruft: „Komm! Komm!“ Dann springt ein Golden Retreiver auf seinen Schoß und schlabbert ihn ab. Harry lacht und küsst den Hund auf die Schnauze. „Bist ein guter Hund“, sagt er, „bist ein braver Hund, mein guter Barry!“ Ende und Abspann)

20.6.11 17:31
 


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