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100 Sachen, die man weder produzieren, verkaufen noch erwerben sollte

Folge 23: Die Grünen

Die aktuelle Diskussion über die Piratenpartei ist ein interessanter Spiegel der Entwicklung einer Partei, die vor gefühlt 50 Jahren einen ähnlichen Hype hingelegt hat: die Grünen.

Die Grünen sind als - und das ist jetzt kein Wortspielchen -  Alternative gestartet. Und die waren sie allemal. Es war damals tatsächlich einmal cool, mit selbst gestrickten Pullis und Turnschuhen (echt funky, die Dinger von Joschka, im Schanzenviertel würde man heute dafür töten) in die Bundes- und Landestage zu ziehen. Wen man sich heute das Äußerliche der grünen Protagonisten anschaut, sieht man allerdings keinen Unterschied mehr zwischen z.B. Jürgen Trittin und z.B. Alexander Dobrindt. In Nuancen ihrer politischen Ansichten vielleicht, doch im Duktus des Auftretens, des politischen Kalküls kann man sie kaum noch auseinander halten.

Wenn jetzt irgendeiner aufschreit und meint, die Grünen wären etwas, was man weder produzieren, kaufen noch erwerben könne, so möchte ich bescheiden einwenden, dass sich die Partei mittlerweile ebenso zu verkaufen versteht wie beispielsweise die FDP, Menschen wie ein Pseudoauthentiker Ströbele sich aufs Erbärmlichste produzieren und dass das Wählen dieser Partei mittlerweile nichts anderes mehr bedeutet, als sich ein gutes Gewissen zu erkaufen.

Wenn man ehrlich ist, kann niemand, auch kein grüner Sozialromantiker mehr, diese Partei wählen. Nicht nachdem so ein konservativer Spießer wie Winfried Kretschmann Ministerpräsident des wohl konservativsten und spießigsten Bundeslandes geworden ist.

Die Grünen haben die Alternative verraten. Und genau so wird es auch mit den Piraten kommen. Sie werden einmal das verraten, was man - Unwort des Jahrtausends - die Netzgemeinde nennt. Der politische Betrieb korrumpiert und steht im diametralen Gegensatz zu innovativen Bewegungen und Ideen. Heutzutage wird auf Facebook, Amazon und DSDS gewählt. Das müssten die Piraten naturgemäß wissen.

Mehr 100 Sachen unter:
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18.9.12 23:47


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100 Sachen, die man weder produzieren, verkaufen noch erwerben sollte

Folge 22: Steppjacken mit Cordkragen

Für Steppjacken mit Cordkragen gilt, was für alle unnötigen Produkte gilt: es wäre besser, man würde sie gar nicht erst produzieren, um, Stichwort CO2-Bilanz etc., die Umwelt nicht zu belasten. Noch mehr gilt bei diesem abscheulichen Kleidungsstück, dass ein weltweiter Bann auch unser Augen weniger belasten würde. Nichts gegen gesteppte Textilien. Eine Steppdecke ist wahrlich ein kuscheliges Stück. Und die gesteppten Wände in Beruhigungszellen wusste auch der Autor schon zu schätzen, nachdem er eine Woche darin verbringen durfte, weil er in der Othmarschener Waitzstraße mit einem Baseballschläger wahllos auf Passanten einschlug, die olivgrüne und marineblaue Steppjacken mit braunen Cordkrägen trugen. Das Amtsgericht Hamburg Altona sprach den Verfasser dieser Zeilen übrigens mit Auflagen frei, da der Vorsitzende die Affekthandlung nachvollziehen konnte. Die Auflage lautet übrigens, dass der Autor in Zukunft weder Baseballschläger besitzen, noch sich der Waitzstraße in einem Radius von 500 Kilometern nähern darf. Bis zur vollständigen Abschaffung aller Steppjacken mit Cordkragen übrigens. Eine entsprechende Klage beim Europäischen Gerichtshof ist anhängig. Zurück zum abscheulichen Modestatement gelangweilter Zahnärzte und Schiffsmakler: Es ist fast unverständlich, warum gerade diese Menschen, deren einziger Ausbruch aus ihrer Lebensödnis, neben dem Kutschieren ihres 2,8 l Turbodiesel-SUVs, das offensiv zur Schau gestellte Tragen eines Mantelfutters ist, noch frei herum laufen und nicht etwa in eben jenen Gummizellen landen, in denen ich eine Woche in mich gehen durfte. Lieber sollten sie die, in den Elbvororten ebenfalls zuhauf erhältlichen, Waxcottonjacken tragen. Oder einfach einen Wollmantel. Von mir aus auch eine beige Wildlederjacke. Nur bitte keine Steppjacken mit Cordkragen mehr.

Mehr Sachen unter:
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18.9.12 10:03


Der Thilosoph

Da sitzt er nun in sich ruhend in seinem gemütlichen, von Fremden umzingelten Heim und trinkt eine Tasse Kaffee. Daran ist an sich nichts ungebührliches, aufregendes. Jeder weiß, dass Sarrazin, wenn er nicht die politische, im öffentlichen Raum stehende Person ist, auch menschlichen Bedürfnissen nachgehen muss wie Schlafen, Essen, Trinken und Scheißen. Interessant ist die Tatsache, dass diese biedere Figur mit seinen politpornografischen Thesen, die es wohlkalkuliert in die Boulevardpresse gebracht haben, hier auf dem Titelbild des Magazins der Süddeutschen Zeitung abgebildet ist. Und das nicht in einem satirischen Kontext oder einer journalistischen Abrechnung, sondern als Teil  einer intellektuellen Homestory. Ein Grund eigentlich, das Abo der Süddeutschen glatt zu kündigen.

Wenn man sich schon dieses Bild des oberlehrerhaften Menschen anschaut, auf die Details achtet, hinter im ein Bildband über Australien - angeblich füllen zerlesene Geohefte beim ihm Regale - einem Land, das er vielleicht bereist hat, ein multikulturelles Land übrigens, mit einer anglisierten polyozeanischen Bevölkerung, die ihn sicher freundlich empfangen hat - da dort sein Buch sicherlich schwer zu finden ist.

Unter dem Tischdeckchen mit dem heidnischen Weihnachtsmotiv liegen zerlesene Zeitungen, die eher auf seine Belesenheit als seine Besessenheit schließen sollen. Man erkennt wenig rot und einen grauen Buchstabensalat, der auf Qualitätsblätter schließen lässt. Der Mann ist ja nicht dumm, nur eitel, borniert und auf freundliche Art grausam. Er weiß sich rhetorisch zu behaupten und ist in der Wahl seiner Mittel weniger zimperlich als die von ihm gelesenen Blätter. Seine Thesen lassen sich von der Bildzeitung besser vermarkten.

Hinter ihm, er ist ja kein weltoffener Niederländer, verdeckt eine Gardine den Blick nach innen. Jederzeit kann Sarrazin aufstehen und aus der Distanz einen Blick auf die Welt da draußen richten. Natürlich ist dieser Blick getrübt und noch da feinste Gewebe sorgt für eine grobes Raster. Da ist es nicht verwunderlich, dass seine Ansichten der Gesellschaft gröber gestrickt sind. Wenn man nicht von der Straße kommt und unter den Leuten dort lebt, muss man ja gemütlich zuhause im Schreibzimmerchen sitzen und sich aus der ferne Gedanken über die Zustände machen. Der Café Arabica inspiriert beim Thema Islam ebenso wie der Perserteppich, dem wohl die These, dass Überfremdung auf deutschen Boden Einhalt zu gebieten ist.

Doch was ist Fremde für einen Mann der zwischen lauter Schröders, Müllers und Hansens Sarrazin heißt? Ist er ein Spalter, weil er selbst unter Abspaltung leiden musste? Erträgt er die islam-christliche Schizophrenie unseres Landes nicht, weil er selbst ein Schizo ist? Er, dieses Chamäleon, dass als Sozialdemokrat in Frankfurter Banktürmen ebenso zuhause ist, wie als Intellektueller in Revolverblättern? Wo kommt unser Geo lesender, Türkentrank trinkender Seismograph des Kleinbürgerlichen eigentlich her? Wie alle Menschen in Europa kommt er von überall her. Wenn man mal die Gardinen beiseite zieht und eine  klaren Blick nach draußen richtet, erkennt man sofort, dass unsere Gesellschaft heute genauso ist wie in den Jahrhunderte zuvor: ganz schön durcheinander.

(Übrigens schlägt die Rechtschreibhilfe meines Schreibprogramms für das unbekannte Wort Sarrazin den Ausdruck Starrsinn vor.)

12.8.11 14:57


Das Lexikon norddeutscher Orts- und Gewässernamen (unvollständig)

A

Altona
In den Hamburger Schulen wird das Märchen vom armen Jungen unterrichtet, der von Hamburger Kaufleuten, die eine neue Stadt vor den Toren der Hansestadt bauen wollten, mit verbundenen Augen und einen Klaps auf den hintern losgeschickt wurde. Dort wo er stolpern und hinfallen würde, sollte die neue Stadt entstehen. Der Junge, so wird berichtet, ließ sich aus Angst vor der nahen Elbe sogleich fallen. Die Hamburger Kaufleute sollen daraufhin gerufen haben: „Dat is ja all to nah - das ist ja all zu nah!“ Diese Geschichte ist natürlich an den Haaren herbeigezogen. Altona wurde bereits in frühgermanischen Liedern erwähnt und ist somit weitaus älter als die Hansestadt, zu deren Stadtteil es mit der Machtübernahme der Nazis wurde. Hier die Zeile aus dem alten frühgermanischen Trinklied, in dem Altona das erste Mal schriftlich erwähnt wird (der Stein mit der Runeninschrift ist übrigens 1728 im Teufelsmoor versunken): „Örk brochte donner Friebrünn folke. Met Hammar drüftet broken Belg. Mör honna frachten brief an Baken. Mer inna dönnen allen Tonna.“ Anmerk.: Die Übersetzung ist leider mit dem Ableben des einzigen Menschen, der dieses frühgermanische Idiom noch in der Neuzeit beherrschte, abhanden gekommen. Er ertrank bei der erfolglosen Rettung des Runensteins.


B

Bad Bevensen

Der notorisch stumpfsinnige Bauer namens Beven, der nach einem traumatischen Erlebnis allein auf seinem Hof in der Lüneburger Heide Mitte des 14. Jahrhunderts lebte, hielt als der sog. Heidemörder jahrzehntelang die Region in Atem. Nachts überfiel er regelmäßig die Höfe in der Umgebung und verging sich dort am Vieh. Beven, nicht mehr in der Lage menschlichen Umgang zu pflegen, hielt seine sexuellen Vorlieben für völlig normal, was jedoch bei den Nachbarn auf Unverständnis stieß. In der sog. Blutnacht von 1349 stellten sie den - heute sicherlich therapierbaren Mann - und stießen ihn in in den Blutturm zu Celle, wo bereits die als sonderlich aufgefallene, und dann in Vergessenheit geratene Nonne Ulrike aus Uelzen seit zwei Jahrzehnten ihr Dasein fristete. In der Dunkelheit verwechselte Beven die mittlerweile sehr behaarte und etwas müffelnd riechende mit einem Schaf und zeugte mit ihr 17 Söhne, von denen einer überlebte und später unter dem Namen Bevens Sohn nicht nur viel Unfug trieb, sondern auch dem Bauernhof seines Vaters und darob dem späteren Ort seinen Namen gab.


Bad Doberan
Ursprünglich hieß der Ort an der Mecklenburgischen Küste schlicht Bad. Als sich aber die Umbenennung von Orten wie Segeberg und Bramstedt durch den Zusatz Bad inflationär ausbreitete, beschloss der Rat der Stadt im Jahre 1984 sich mit einem Namenszusatz davon abzugrenzen, um Verwechslungen zu vermeiden. Die daraufhin statt findende Lotterie gewann der LPG-Arbeiter Arno Doberan (56).

Barmstedt
Armstetl hieß das früher einzige jüdische Stetl westlich der Neiße. Es wurde von dem charismatischen Rabbi Schmeichl und Mitgliedern seiner Sekte gegründet. Schmeichl wurde von seinen Glaubensgenossen aus der heutigen Ukraine vertrieben und musste in die Diaspora der Diaspora. Schmeichl hatte sich den Zorn der anderen Rabbis zugezogen, weil er gern Tacheles redete. Und zwar ausschließlich. Die anderen verstanden diesen Dialekt nur mäßig. Als Schmeichl dann um 1260  mit seinen Auserwählten Norddeutschland erreichte, empfing sie ebenfalls nur Unverständnis und man zwang sie, den Beruf des Geldverleihers auszuüben, obwohl Geld in dieser Region noch gar nicht erfunden war. So kam es, wie es kommen musste: die wackeren Juden verarmten völlig und von ihnen blieb am Ende nicht viel mehr als der Name des Ortes übrig.

Bönningstedt
Der Name leitet sich aus einem niederdeutschen Volkssport ab, dem Bönnen. Das ist eine Art Kegeln, dessen Regelwerk schon die alten Germanen kannten. Beim Bönnen versucht man mit einem Schafsschädel möglichst viele der in etwa 30 Ellen Entfernung aufgestellten zwölf Schafsschenkel zu treffen und umzuwerfen. Wirft man alle auf einmal um, hat man eine Bönne erzielt, also niederdeutsch bannig viel getroffen. Die Germanen spielten es genau in der Art, benutzen aber anstelle von Schafen Friesen oder Römer.



Bremen

Mönche aus dem frühen Erzbistum Bremen mokierten sich gern über die dortige Bevölkerung, die als sehr mundfaul galt. Das bezog sich zum einem auf die geringe Redseligkeit, zum anderen auf deren Mundfäule, die für üble Gerüche beim Sprechen sorgte, weswegen die Einheimischen noch mundfauler wurden. Für die lateinischen Mönche war das schmallippige Grunzen der Bevölkerung ein einziges Brummen, weswegen der Ort an der brackigen Weser in den Annalen schnell den Namen Brummer bekam, aus dem nach und nach der heutige Name wurde. Ihre Brüder besuchende Spötter aus den weit zivilisierteren Klöstern in Köln oder Trier, schrieben allerdings in satirischen Traktaten, dass nicht die einheimische Bevölkerung, sondern die Mönchen dem Ort ihren Namen gaben. Denn das ewig feuchte, an elf von zwölf Monaten im Jahr regnerische Kloster im Norden sorgte angeblich dafür, dass die Mönchen an chronischer Heiserkeit litten, so dass ihre gregorianischen Gesänge in der faulenden Holzkapelle bei den Einheimischen doch etwas brummig klangen. Wie dem auch sei, ein Besuch in der Hansestadt bestätigt zu jeder Jahreszeit eine der beiden Theorien.

Büsum
Als es im vierten Österreichischen Türkenkrieg zu einem Stillstand kam, beschloss Sultan Imbrahim, das westliche Europa in die Zange zu nehmen. Er schickte seinen erfahrensten Kapitän Ali Hassan mit seiner Barke Fliegende Dschunke los, um am westlichen Festland zu landen und von dort aus die kaiserlichen Truppen unter Beschuss zu nehmen. Das Problem der türkischen Kartenzeichner war jedoch die Perspektive. Die Türkei hatte in deren Atlanten etwa die Größe des heutigen Asiens, Westeuropa und alles Ferne war auf einer Fläche  des heutigen Liechtensteins verzeichnet. Als Ali Hassan nun an der Nordsee landete, fiel er den kaiserlichen Truppen also keines falls in den Rücken, sondern aus allen Wolken. Ohne Proviant und mit meuternder Mannschaft beschoss er sich niederzulassen und taufte die Ansiedlung, zu Ehren der enormen Oberweite seiner Tante Aysche aus Ankara, Büsum.


E

Eider
Die frühen Bewohner des Landes, Flachgermanen und verstreute Wikinger hatten, wie archäologische Funde im nahen Erfde beweisen eine einfache Sprache, die über einen Wortschatz von etwa 200 Lauten verfügte. Namen waren überhaupt nicht vorhanden. Man nannte sich Mann, Frau, Junge, Mädchen usw., und wenn man mal eine fünfte Person traf, fügte man sich dem Schicksal von Verwechslungen. Das Land wurde daher einfach Land genannt und der nahe Fluss Fluss. So wie der Himmel eben Himmel hieß. Erst im 19. Jahrhundert bekamen Land und Fluss ihren eigentlichen Namen, als der britische Ornithologe Sir Reginald Witherspoon hier eine neue Entenart entdeckte. Als der passionierte Opernfan den Namen des neu entdeckten Vogels im Landratsamt Rendsburg eintragen ließ, beging der sowohl opern- als auch englischunkundige Landrat den Fehler statt Aidaente Eiderente einzutragen. Als Witherspoon nach seiner Rückreise in seinem Londoner Club davon erfuhr, ran dem wackeren Mann eine Träne runter. Was aber nichts mit dem ähnlichen klingenden Nebenfluss der Eider zu tun hat. Siehe dazu --> Treene

Elmshorn
Der Name dieses pulsierenden Wirtschaftszentrums mitten im Elmshorner Umland bezieht sich auf einen Germanenhäuptling namens Elemo. Elemo war ein großer Streiter aus dem Norden Skandinaviens, der nach dem Ende der Eiszeit nebst allerlei Findlingen in der Marsch einfach liegen geblieben war. Er wurde schnell sesshaft und schlug Freunde wie Feinde in die Flucht oder gleich tot. Elemo, bzw. Elemius, wie römischen Quellen verzeichnen, war nicht nur ein geschickter Krieger, sondern auch ein unersättlicher Liebhaber. Wenn nicht genügend Frauen zur Verfügung standen, waren weder Schweine und Kühe, noch die sog. Fernreitermösen - mit Mett gefüllte Metkrüge - vor seinem Horn sicher. Daher auch der Name.

Eutin
Der Landkreis Plön hat den neben den Gebrüdern Grimm größten deutschen Sprachkundler hervorgebracht: Hyronimus von Eytin. Dieser war ein Asket, der um die die erste Jahrtausendwende, also etwa 1000 n. c. in einer Höhle an Ort und Stelle des heutigen Eutins sein Leben fristete. Er ernährte sich von Körnern, Randnotizen seines umfangreichen Werkes und einem täglichen Glas Milch. Hyronimus stieß schon früh auf grammatikalische Ungereimtheiten in der deutschen Grammatik; und das, obwohl sie zu seiner Zeit noch gar nicht existierte!  Hyronimus, der viel Zeit zum Nachdenken und sich Aufregen hatte, erregte sich immer mehr über den Umstand, dass sein persönlicher Busen der Natur, der Euter seiner Milchkuh Rosalie männlichen und nicht weiblichen Wortstamms war. Also nannte er ihn fortan Eutin. Da er aber völliger Abgeschiedenheit lebte, konnte sich seine Wortschöpfung nicht durchsetzen, gab aber ihm und seinem Wohnsitz den späteren Namen.


F

Flensburg

Flense heißt im Frühniederdeutschen Punkt und bezieht sich auf ein maritimes Strafsystem, mit dem Koggen, Baken und andere Seeschiffe ersucht wurden, sich in seeverkehrsrechtlicher Disziplin zu üben. Wurde eine Kogge beispielsweise beim Falschparken um Hafen erwischt oder ein Kapitän ertappt, nach dem Genuss von von mehr als 3 Fässchen Rums im Sund herumzusegeln, so wurde dem Schiffsführer mit einem glühenden Eisen eine Flense auf den Rücken gebrannt. Hatte der Schiffsführer innerhalb eines Jahrhunderts mehr als 6 Flensen erhalten, wurde er von den Behörden nach Kiel geholt und musste sich dort versprotten lassen.


G

Glückstadt

Das frühere Glockenstaat verdankt seinen Namen Alf, dem Nimmersatten, einem in den Norden verschlagenen, verschlagenen Cheruskerfürsten. Dieser war, wie sein Widersacher Elemo aus --> Elmshorn ein Lebemann bester Güte. Freifrauen von Goslar bis Oldenburg, von Schleswig bis Höxter ließen es sich nicht nehmen seine großen Glocken zu bestaunen und sich ihnen hinzugeben. Infolgedessen soll Alf nicht weniger als 58 Kinder und 504 Enkel sein Eigen genannt haben. Das sich weiter im Norden bei --> Flensburg gelegene Glücksburg hat allerdings nichts mit Alfs libidösem Laster zu tun, sondern hat seinen Ursprung in einem ostgotischen Spielkasino.

Grömitz
Im Jahre 1942 wollte eine Handvoll norddeutscher Gauleiter Adolf Hitler dazu verleiten, seinen Sommerfrischen nicht nur in den bayrischen Alpen, sondern auch an der holsteinischen Küste zu verbringen. Sie schlugen dafür den beim Kloster Cismar liegenden Fischerort Wolfshaven vor. Der Gröfaz, größte Führer aller Zeiten soll daraufhin so erbost gewesen sein, dass er die Initiatoren dieses "größten Mists aller Zeiten" an die Wand stellen ließ. Und zwar 28 Tage. Daraufhin wurde per Dekret das Dorf in Grömitz umbenannt.

Gütersloh
Im Niederdeutschen bedeutet loh oder lohe gering, wenig bzw. fast gar nichts. Gütersloh, ein im späten Mittelalter ein wenig bevölkerter Weiler war in den den umliegenden Gemeinden Detmold, Lemgo und Versmold ein in Verruf geratener Ort, der von Armut und Geistesträgheit geprägt war. Die Menschen besaßen in der Regel wenig, wenn überhaupt ein Stück Land, das sie mit sich führen konnten. Insofern ist es kein Wunder, dass man dem namenlosen Weiler herablassend die Bezeichnung Gütersloh überließ.


H

Hameln
Das aus dem Niederdeutschen stammende Wort bezieht sich auf die bekannten Haarmühlen, für die die Stadt vor der Rattenfängerlegende über die Grenzen des Weserberglandes bekannt war. In den Haarmühlen wurden die Haare von Kleintieren, Schweinen, Hunden und geschorenen Juden zu einer würzigen Tunke verarbeitet, die es im Mittelalter über die Seidenstraße sogar bis China schaffte und dort als Sojasoße wiedererfunden wurde.

Harburg
Der Name der von den Nationalsozialisten nach Hamburg eingemeindeten Vorstadt beschreibt ein unrühmliches Kapitel auf dem westöstlichen Diwan, die blutigen Kreuzzüge. Ritter Elmar von Lothringen brach 938 n. c. mit einer Handvoll Tischler nach Jerusalem auf, um den heiligen Schrein zu zu suchen. Da er weder Navigationsgerät noch vernünftigen Straßenkarten bei sich trug, und Tischler im Gegensatz zu Zimmermännern nicht sehr bewandert sind, verirrte sich die Schar und gelangte nach Jahre an die südlichen Gestade der  Elbe, den sie fälschlicherweise für den Jordan hielten. Sie fielen auf die Knie, falteten die Hände und dankten Gott. Auf diese Weise angreifbar, wurden sie sofort von Gunther, dem Einfältigen überfallen und bis auf den Ritter einen Kopf kürzer gemacht. Der Graf wurde in eine baufällige, namenlose Burg geschleift und ein Kurier mit einer Lösegeldforderung nach Lothringen geschickt. Der Kurier allerdings kam niemals an. Elmar harrte zehn lange Jahre in der zugigen Burg, bis diese endlich einen Namen hatte und Gunther ihn für ein paar Glasperlen einem vorbei ziehenden Gaukler verkaufte.

Harksheide
Der Ortsteil des jetzigen Norderstedt ist ein Quellgebiet der Angeln, die im heutigen Schleswig-Holstein beheimatet waren und nach der großen Kartoffelpest von 953 nach Großbritannien emigrierten, um dort mit den Sachsen eine Nation zu gründen. Das damals von  dem später in die Lüneburger Heide ausgewanderten Heidekraut übersäte Land bedarf einiger gärtnerischer Tugenden, um es urbar zu machen. Die damals so noch nicht genannten Harksheider erfanden dazu den Besen mit Stoppelborste, der heute als Harke in jeden Baumarkt käuflich zu erwerben ist. Damals jedoch war die Herstellung ein hartes Geschäft, weil die Zacken der Harke eigens aus Fingerknochen vagabundierender Zigeuner gewonnen wurden. Die Harksheider entwickelten jedoch ein spezielles Geschick im fangen von Zigeunern und machten das unwege Gelände schnell urbar. Schon nach wenigen Jahren  befand sich zwischen dem heutigen Fuhlsbüttel, Quickborn, Schnelsen und Ellerbek ein akkurat geharktes Kiesareal, das Reisende aus aller Welt beeindruckt hätte.

Heiligendamm

Der Name des noch jungen Badeortes bezieht sich auf eine Fischbratküche und Räucherkate, die im frühen 19. Jahrhundert den Tourismusboom im Ort begründete. Der aus Schweden stammende Fischer Bo Ekelson war sich des harten Fischerdaseins leid und zimmerte sich aus Strandholz eine Bude, in der er nun seine Spezialitäten feil bot. Doch auch damals schon litt die Gastronomie unter steten Personalwechseln und ein tschechischer, mit Seefisch gänzlich unerfahrener Koch sorgte durch unachtsame Handhabung mit dem sensiblen Lebensmittel für eine landesweite Lebensmittelvergiftung, die im Bestfall zu Flatulenzen, im schlechtesten allerdings zu einem tagelangen Durchfall führte. Berliner Touristen nannte dies mundartlich  Dünnpfiff oder braunen Besuch, in Mecklenburg machte jedoch der Begriff Eiliger Darm rasch die Runde. Das Ereignis war so einprägsam, dass sich der Name Eiliger Darm für den Ort manifestierte. In der der großen Regionalsprachreform von 1897 wurde der Ort jedoch in das unverfänglichere Heiligendamm umbenannt. Aus dem ehemaligen Fischlokal ist übrigens ein vietnamesischer Schnellimbiss geworden. 



Höxter

Der aus dem altniederdeutschen abgeleitete Name bezieht sich auf ein kirchliches Folterwerkzeug, den sog. Hackser bzw. Hoeckser, der in dieser Stadt gern verwendet wurde. Das Werkzeug war im allgemeinen ein Stuhl-, oder Tischbein, in dem schräg nach oben Nägel getrieben wurden. Dieser Stecken wurde dann dem Delinquenten mit einem einfachen Holzhammer oder einer abgetrennten Gliedmaße in den Rachen geklopft. Die Nägel im Hoeckser sollten dabei nicht nur für größtmöglichen Schmerz sorgen, sondern hatten auch die praktische Funktion, dass man den Todgeweihten daran aufhängen konnte, sodass sich die Bevölkerung an dessen Gezappel erfreuen konnte. Geschickte Bader konnten sogar mittels Luftröhrenschnitt dafür sorge, dass der so gefolterte noch etwas länger leben und zappeln konnte. Die Bischofskonferenz im nahen Paderborn verfügte allerdings im Jahre 1865, dass dieses Procedere aus humanitären Gründen nicht mehr auf öffentlichen Plätzen stattfinden sollte.

Husum
Der Name der Grauen Stadt am Meer basiert auf der lateinischen Wendung huc cum, eine im Mittelalter gebräuchliche, humorige Redensart unter Mönchen eines dortigen klösterlichen Außenpostens, die wörtlich hierher, obwohl bedeutet. Rasch entwickelten sich daraus eine ganze Reihe von Witzen, die den heutigen Deine Mutter...- und Hattu-Muttu-Scherzen in nichts nachstanden. Einige Beispiele der Hierher, obwohl-Witze: Du kommst hierher, obwohl der Ort stinkt wie ein Bau voller Iltisse. Du kommst hierher, obwohl du weder blind noch taub bist. Du kommst hierher, obwohl das Quellwasser so brackig wie ein Eimer Pisse schmeckt. Husum kann sich also als einer der wenigen Orte Frieslands rühmen, frühlateinischen Ursprungs zu sein.


I

Itzehoe
bezieht sich auf die Liegenschaft Judenhof, niederdeutsch Judthoe, des einzigen im Mittelalter verzeichneten hebräischen Bauer Nathan Grenzstein. Der Ort prosperierte rasch und wurde nach den Pogromen 894 n.c. zu einem quirligen Handelszentrum. Als ein Bauer auf Nathans alten Weiden einen Klumpen Gold fand, artete 1056 n.c. ein regelrechter Goldrausch aus, der sogar 6 bis 8 Iren nach Judenburg brachte. Während der Nazidiktatur entschloss sich der Stadtrat in einer feuchtfröhlichen Sitzung Judenhof in Itzighof, mundartl. Itzehoe umzubenennen. In den Jahren der Wirtschaftswunders gerieten die Herkunft des Namen sowie die Gräuel des Nationalsozialismus in allgemeine Vergessenheit. Da ohnehin kaum ein mensch auf die Idee kommt, Itzehoe einen Besuch abzustatten, hat die antisemitischen Bedeutung des Namens auch keinerlei völkerrechtliche  Konsequenzen.


K

Kiel
Die Stadt Kiel ist so langweilig, dass sich der Name der Stadt tatsächlich gänzlich unoriginell von den hier gebauten Bootsrümpfen ableitet.


L

Lübeck
heißt eigentlich Lügenberg und bezieht sich auf eine frühmittelalterliche Sitte Häretiker, Fremde, Irre und allgemein falsch Zeugnis ablegende Menschen nach ihrem unfreiwilligen Tod   in Massengräbern zu verscharren. Da dies in Meeresnähe jedoch dazu führte, dass sich die Grablöcher schnell mit Wasser füllten, begann man die Leichen einfach aufzuschichten und mit Schlick und Sand zu überschütten. Noch im 20. Jahrhundert fand man bei Grabungen Schädel- und Knochenreste. So auch bei der Unterkellerung des Buddenbrockhauses, was übrigens Thomas Mann zu der - leider verschollenen - Erzählung „Der Muff“ inspirierte.


N

Norderstedt
Als die vier Gemeinden Glashütte, Garstedt, Harksheide und Friedrichsgarbe 1970 beschlossen, sich zu einer Stadt zu vereinen, wurde in der Bevölkerung ein Namenswettbewerb ausgerufen, dessen Ergebnis oben genannt ist. Wie man auf den absurden Namen Norderstedt kam, obwohl der Ort doch im südlichen Teil Schleswig-Holsteins liegt, bleibt vielen ein Rätsel.


P

Pellworm
niederdeutsch Puulworm, verdankt seinen Namen einer biologischen Eigentümlichkeit und seiner langen Geschichte des Krabbenfangs. Da auf dieser Insel durch genetische Mutation, im Volksmund abfällig Inzucht genannt, alle Frauen kleine Hände mit kurzen, aber kräftigen Fingern besitzen, war Pellworm schon im frühen Mittelalter Zentrum der friesischen Krabbenpulkultur. Die geschicktesten Krabbenfischerfrauen waren in der Lage innerhalb eines Tages bis zu  zwei Tonnen Krabben zu verarbeiten. Das war mehr als der Markt verlangte, weshalb zwei Drittel der Menge benutzt wurde um für das nachbarliche Nordstrand einen Fahrdamm zum Festland aufzuschütten. Im laufe der Jahrhunderte entwickelte sich bei den Krabben allerdings ein Schutzmechanismus, der ihren Bestand vor der Überfischung sichern sollte. Kurz vor ihrem nahen Tod, der durch das da Abpulen ihrer Schale beschleunigt wurde, laichten sie noch einmal ab, indem sie ihre Einer unter die Fingernägel der Krabbenpulerinnen spritzen. Da Pellwormer Krabbenpulerinnen es naturgemäß nicht sonderlich mit der Reinlichkeit hielten, wuchsen die Eier schnell zu wurmgroßen Gebilden heran. Dieser Tatsache verdankt Pellworm nicht nur seinen Namen, sondern auch die Tatsache, dass das Krabbenpulen erst nach Büsum und später nach Marokko verlagert wurde.

Pinneberg
verdankt seinen Namen dem sowohl ordentlichen als auch humorigen römischen Stadtkämmerer Flitius Pippus aus dem nahen Castello Portisculus (Hammerburg). Dieser Ort war, nach neuesten Erkenntnissen, bereits in der ersten Jahrtausendhälfte n. c. Roms nördlichste Residenzstadt im Germanenreich, wurde aber in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends n. c. von den Germanen geschleift und der Vergessenheit anheim gestellt, bis es vor gut 850 Jahren wieder unter dem ähnlich klingenden Namen aufgebaut wurde. Flitius Pippus hatte sich auf das allgemeine Verkehrswesen spezialisiert und bemerkte rasch, dass die germanischen Siedler in den westlichen Marschlanden durch rüdes Verhalten im Straßenverkehr auffielen. Um die anderen Mitbürger vor ihnen zu schützen, erfand er ein spezielles Kennzeichen für deren Fuhrwerke, das sie fortan gut sichtbar an ihre Fahrzeuge anzubringen hatten. Er leitete dieses nach ihrer gebräuchlichen lateinischen Bezeichnung provincia idiota ab: PI. Später nannten die Einwohner des Landes aus diesem Grunde erst ihr Flüsschen Pinnau danach und später dann den befestigten Weiler Pinneberg. Das deutsche Straßenverkehrsamt hat praktischerweise den Gefahrenhinweis bis heute beibehalten.

Plön

Aus dem saloppem Adieu wurde schnell das norddeutsche Atschüss, später Tschüss und aus der amourösen Einladung „Visite ma tente“ rasch das eingeniederdeutschte Fisimatenten Man sieht, der der napoleonische Durchmarsch nach Russland und die sich dadurch ergebende Besatzung Norddeutschlands durch die französischen Truppen bescherte der Region einen sprachlichen Kollateralschaden. Nur nicht in Plön. Eine ansässige Tuchweberei, die seit Jahr und Tag für die Fischer der nahen Ostseeregion die sog. Plünnen herstellte, widersetze sich dem was á la mode war und nannte ihre Tuchwaren, in Aberkennung der französischen Dominanz auf dem Modemarkt, nicht etwa Clamottes, sondern blieb bei dem niederdeutschen Idiom, dass der Stadt vor hunderten von Jahren seinen historisch verbürgten Namen gab.


Q

Quickborn
hieß früher Schlaumannsburg und der Name war Programm, obwohl das Fernsehen lange nicht erfunden war. So erfanden die heutigen Quickborner die Maul- und Klauenseuche, um dem 5. vegetarischen Dekret des Vatikan zuvor zu kommen sowie das Analpiecing für Männer, um sich vor Übergriffen frühhunnischer Horden aus dem Osten Holsteins zu schützen. Als Kaiser Barbarossa sich im Jahre seines Herrn entschloss, aufgrund der Überbevölkerung in den nordischen Marken - auf jeden Quadratkilometer kam ein Mann auf 25 Schafe - die Geburtenrate zu senken, erfanden die heutigen Quickborner und damaligen Schlaumannsburger ein aus Schafsköteln gewonnenes Aphrodisiakum, das es den Schlaumannsbürgerinnen erlaubte, von vier Schlaumannsburgern gleichzeitig schwanger zu werden. Das führte zu einem derartigen Bevölkerungszuwachs - 25 Männer auf ein Schaf - dass Barbarossa nicht nur sämtlich Männer kastrieren und Neugeborene töten ließ, sondern den Ort in einem Atemzug seinen heutigen Namen gab.


S

Scheeßel

Der Ursprung des Namens in relativ naheliegend. Er bezieht sich auf den Auswurf der dortigen Haus- und Hoftiere. Schon im 17. Jahrhundert erarbeitete der Ratsdiener Ignatius Otto Bruhns das umfassendste, weil einzigartige Verzeichnis faunischem Stuhls. Unvergessen auch sein Gedicht über den Pferdeapfel, das noch heute den Giebel eines Hauses in Verden an der Aller schmückt. Bis in die heutige Zeit hält sein Vermächtnis an, wenn Jahr für Jahr junge Menschen aus ganz Norddeutschland auf dem Hurricane-Festival in den sog. Dixi-Klos gern ihren Scheeßel fallen lassen.

Schleswig
Dieser Ort an der Schlei war früher der größte Finanzplatz Nordeuropas. Wikinger, Friesen, Germanen und Finnen gaben sich an den Bankhäusern die Klinke in die Hand. Schleswig war deshalb so begehrt, weil in den tiefen Verliesen unterhalb der Geldinstitute die Bar- und Goldeinlagen richtig sicher waren. Das lag an einem ausgeklügelten Tunnelsystem mit extrem winzigen Gängen, in die ein normalgroßer Mensch nicht hineinfinden konnte. Das konnten nur  kleine, skandinavische Höhlentrolle. Diese so genannten Schließwichte waren leicht zu zähmen, hatte keinerlei Verständnis für den Wert der von ihnen bewachten Schätze und waren mit einem Krug Flensburger Rum und rohen Fischen relativ einfach und kostengünstig zufrieden zu stellen.


T

Treene
Über die Entstehung des Namens gibt es zwei Versionen. Eine unverbürgte und eine, die ins Reich der Legenden gehört. Erstere besagt, dass hier in vorgermanischer Zeit eine Jungfrau lebte, die nicht nur ihr Leben lang unberührt blieb, sondern scheinbar auch nicht altern konnte. Darob sich grämend vor langer Weile, weil sie eine lange Weile lebte, warf sie sich vor Augen der entsetzten Mitbürger in den Fluss, der sie sofort verschluckte und nicht wieder hergab. Seitdem warfen sich die Frauen der Gegend zwar nicht in den Fluss, sondern benetzten ihre rosigen Wangen mit einem Tropfen, einer Träne (?) des Flusswassers, um diese für immer jung zu halten. Genützt hat es angeblich nichts, doch noch immer nehmen Wissenschaftler der Hamburger Beiersdorf-Werke Proben, um an das Geheimnis des Jungbrunnen heran zu kommen. Die andere These behauptet, dass die Wikinger, die ihre schweren Schiffe von der Schlei bis zur Treene schleppen mussten - der Nord-Ostseekanal wurde erst hunderte Jahre später von Kaiser Wilhelm erfunden - voller Freunde nach dem zu Wasser lassen ausriefen: Dat Boot is drinne! Wie bei der dokumentarisch angelegten Comicserie Gespenstergeschichten möchte man hier ausrufen: Es klingt seltsam, aber so steht‘s geschrieben.    


V

Verden
Das Naheliegende trifft auch in diesem Falle nicht zu. Verden ist nicht wie gemeinhin gedacht nach Pferden benannt, die in der Region heutzutage eine große Rolle spielen. Denn Verden, das bereits bei Tacitus erwähnt wurde („Veni, verdi, vici) war schon in germanischer Zeit eine pulsierende Gemeinde. Damals kannte man so weit im Norden noch keine Pferde und ritt gemeinhin auf friesischen Sklaven aus. Verden leitet sich daher von einem geläufigen, humorvoll motivierenden Ausspruch der Sklavenhalter ab, die auf das Jammern der Friesen, wie sie nach drei Tagesritten, denn noch einen vierte oder fünften bewältigen sollten: Wird schon verden.


W

Wandsbek
Die ehemals eigenständige und pulsierende holsteinische Gemeinde ist heute nur noch ein Stadtteil Hamburgs. Seinen Namen verdankt sie dem prosperierenden Bürgertum im Mittelalter, als im Land zwischen Nord- und Ostsee im Allgemeinen der Begriff „die eigenen vier Wände“ unbekannt war und man nur vom „Dach über dem eigenen Kopf“ sprach. Die Menschen lebten einfach unter einem Reetdach an dessen vier Seiten sie ihre Hoftiere anpflockten, um sich so vor Wind und Kälte zu schützen. Aus dieser Zeit stammt auch das heute leicht abgewandelte, norddeutsche Sprichwort „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur eine schlechte Herde“. Dem machte allerdings der Zimmermann Karl Jacobus Winckelmann en Ende, als er auf einer Forschungsreise nach Hamburg die Wand entdeckte und sogleich in seiner Heimatstadt einführte. Bis zu seinem Tod kämpfte er darum, dass die Stadt nach ihm und nicht seiner Erfindung benannt wurde. Vergeblich.

Wedel
Viele meinen aufgrund der Tatsache, dass im Ort eine große Filmproduktion ansässig ist, dass die Stadt nach dem bekannten deutschen Regisseur Dieter Wedel benannt ist. Das ist natürlich Unsinn. Wedel wurden bereits 1212 urkundlich erwähnt, Dieter Wedel erst 1942. Tatsache ist, dass ein katalanischer Schiffbrüchiger im zweiten Jahrhundert des zweiten Jahrtausends - damals gab es auf der Elbe noch keine Lotsen - hier landete und meinte das ferne Indien entdeckt zu haben. Er nannte den Landstrich in seiner katalanischen Muttersprache Vedell, was Kalb bedeutet und der allgemein übliche Spitzname der damaligen Königin Urraca I. war. Da der Namensgeber erstens katalanischer Herkunft und zweitens  für der größten Misserfolge des spanischen Kolonialismus stand, wurde die Episode in Spanien totgeschwiegen, was sich leider bis heute auf die Touristenzahlen aus Iberien auswirkt.


Z

Zarentin
Dieser Ort an der ehemaligen deutschdeutschen Grenze hieß bis ins 18 Jahrhundert Schwefelburg, was sich auf die üblen Gerüche der dortigen Gasthäuser zurückführen lässt, die für ihre Aufläufe aus dem nahen Ostseeschlick bekannt waren. Den Besuch der Kusine des Zaren Peter IV., der sog. Zarentine nutze die Bürgerschaft sofort, um dem Ort unter ausdrücklicher Billigung von Friedrichs des Großen den heutigen Namen zu verleihen.

Zeven
Im Niederdeutschen hieß es früher Zeffen, wie man hier die Moorhexen nannte. Das waren im allgemeinen Frauen, die über ein loses Mundwerk verfügten, also am Tag mehr als drei bis vier Sätze sprachen, was für die Menschen in dieser Region eher unüblich ist. Noch heute erhält man auf Fragen wie, wo geht es hier zum Bahnhof? oder wo ist das nächste Postamt einsilbige Antworten wie Jo! oder Hm! Die Zeffen, also Moorhexen verfügten über einen überdurchschnittlichen Wortschatz, der sie in den Augen der übrigen Bevölkerung verdächtig machte. Also schnitt man ihnen in der Regel die Zunge ab, fesselte sie an Wackersteinen und versenkte sie im nahen Teufelsmoor.

Zingst
Im Mecklenburgischen Idiom heißen männliche Dorsche Zingste. Diese gaben dem Fischereizentrum auf dem Darß seinen Namen. Gefischt wurde schon zur Kreidezeit, das in Mecklenburg einen Zeitraum von ungefähr 7000 Jahren umfasst und nach den gleichnamigen Felsen auf dem nahen Rügen benannt ist. Erst fischten die Bewohner im Trüben, also auf der Boddenseite des Darß, weil sie sich lange Zeit nicht aufs offene Meer trauten. Erst mit der Einführung des Fischerbootes im Jahre 1864 auf dem Darß änderte sich dies und die Produktion der berühmten Zinsgter Fischfrikadellen verdoppelte sich nahezu. Heute allerdings werden die Frikadellen von der Firma Iglo gestellt und unter dem Namen Original Zingster Fischfrikadellen in den lokalen Fischbuden vertrieben.

21.7.11 16:05


Feldweg #1

Porsche 911 vs. BMW 1100 S.

Ein Blech, das aussieht als hätte man sie dem Chassis in Unterdruck übergezogen, eine makellose Haut über einer noch makelloseren Form. Ganz tief liegt er auf der Straße, der Unterboden berührt beinahe den Asphalt, und doch wird der Wagen von vier breiten Pneus getragen, die auch in der schnellsten Kurve wie ein Kaugummi auf dem Asphalt kleben bleiben. Der Motor singt im Bariton, noch schöner als all die Lieder, die über diesen Wagen gesungen werden. Springt der Sechszylinder-Boxer an, ist es, als ob er wahrhaftig springen würde; nur mit viel Technik und ein wenig menschlicher Anstrengung gelingt es überhaupt diesen glanzlackierten Keil in Zaum zu halten. Und doch: Obwohl dieser Bolide - trotz GTO, Lamborghini und Quattroporte - das Nonplusultra im alltäglichen Straßensport ist, im Gegensatz zu einem halbwegs anständigen Sportmotorrad hat er ungefähr soviel Sexappeal wie ein Opel Astra. Der Sportwagen beschleunigt, überholt und verzögert wie ein Rennmotorrad, doch geschieht dies unter vergleichsweise behaglichen Umständen. Während man mit 250 Sachen locker an der davor fahrenden S-Klasse vorbei zieht, kann man in Ruhe einen Caffe Latte trinken, sich die Buddenbrooks vorlesen lassen oder mit seinem Börsenmakler telefonieren. Als Fahrer einer schnellen BMW 1100 S besitzt man zwar nur einen zweizylindrigen Boxer, aber auch die Erkenntnis, das man auch ICE fahren kann, wenn man schnell einen Kaffee trinken möchte. Es ist ein ganz anderes Gefühl, wenn man auf dem Bike mit 120 um eine Kurve fliegt. Zwischen Fahrer und Asphalt nichts als ein bisschen Luft. Jede Fliege, jede Unebenheit wird unmittelbar erfahren, jede Kehre eine echte Herausforderung – ohne Airbag, ESP und Getränkehalter. Der Fahrer wird mit der Maschine eins. Nicht weil er - wie beim Autofahren - vom Fahrzeug geschluckt wird wie die Fliege von der Fleisch fressenden Pflanze, sondern weil der Motorradfahrer von dem Moment an, in dem er auf dem Sattel sitzt, sich förmlich in die Maschine einrastest wie ein iPod ins Sounddock. Und wie der iPod ohne Dock keinen Ton herausbringen würde, macht die Maschine ohne den Piloten keinen Mucks. Dunkel blubbert sie beim Starten, kreischt wie ein Flugzeug beim Hochdrehen und zischt – ein Vakuum hinter sich lassend durch die Straße.

Anders als beim Autofahren wird die Garage vor dem Motorradfahren zu einem Ort der Verwandlung. So wie Bruce Wayne in der Bathöhle zum Batman wird, wird hier der Mensch zur Maschine. Wie der Superheld stattet man sich mit einem der Körperform angepasstem High-Tech-Equipement aus, das dem Fahrer übermenschliche Fähigkeiten verleiht. Der Körper wird in fingerdickes Leder verpackt, eingenähte Hartschalen schützen Knie, Ellbogen und Schultern. Ein Rückenprotektor, dessen Design dem Rückgrat eines Aliens nachempfunden ist, schmiegt sich an die Wirbelsäule. Der Helm gibt der diabolischen Maske den Rest. So ausgestattet kann man schon mal mit Hundert aus der Kurve fliegen und einigermaßen glimpflich davonkommen – Batman lässt grüßen.  Eine weitere Parallele: Der Motorradfahrer erhält dank der Maschine Superkräfte, die auf scheinbar magische Weise direkt auf ihn übertragen werden. So wie der Motor in der Lage ist, in einer Minute unglaubliche sieben-, achttausend Stöße zu vollbringen, schärfen sich die Sinne des Fahrers und verdichten sich zu einer Art übernatürlicher Konzentration, die es erlaubt sich und seine Maschine schadlos durch den Verkehr zu bringen. Ein Beispiel: Kein Autofahrer denkt sich etwas dabei, wenn eine Schwalbe mit hoher Geschwindigkeit in einem atemberaubenden Bogen an ihm vorüber fliegt, oft nur einen halben Meter an der Windschutzscheibe vorbei. Doch reißt jeder vor Schreck das Steuerrad herum und bringt seine Mitfahrer in Lebensgefahr, wenn ein in froschgrünes Leder verpackter Ninja-Fahrer in einer langen Kurve links an ihm vorbei schießt, um sich, kurz bevor der Sattelschlepper die Gegenfahrbahn dicht macht, vorn wieder einzuordnen. Jeder normal denkende Zeitgenosse greift sich nun an den Kopf und fragt, warum macht der Wahnsinnige das? Ist es Todessehnsucht? Verlängerte Pubertät? Dummheit? Nein, es ist ganz natürlich, wie bei oben erwähnter Schwalbe. Man macht es, weil man es kann.

Der wesentliche Unterschied zwischen Sportwagen- und Motorradfahrern ist nicht etwa das fahrerische Können. Den großen Unterschied macht die optische Symbiose zwischen Mensch und Motorrad. Der Fahrer einer Fireblade Repsol Replica – das ist die der Rennhonda nachempfundene Straßensportmaschine mit außergewöhnlichen, in Leuchtorange lackierten Felgen -  wird penibel darauf achten, dass Helm und Lederkombi ebensolche orangefarbenen Applikationen besitzen. Im Bestfall ist alles aus einem Guss und der Fahrer sieht aus, wie ab Werk mitgeliefert. Ein schönes Beispiel dafür ist Uma Thurmans Auftritt in Kill Bill Vol. 1, als sie in sonnenblumengelber Lederkombi auf einer gleichfarbigen Maschine zum Showdown durch das nächtliche Tokio rast. Da können Porschefahrer nicht mithalten. Ein Blick durch die Seitenscheibe zeigt oft fürchterliche Entgleisungen. In den handgefertigten Rindsledersitzen lümmeln sich übergewichtige Männer in schlecht sitzenden Designer-Outlet-Jeans. Polohemden in Farben, die alles wollen, nur nicht zum Autolack passen. Mattpolierte Fliegeruhren kämpfen gegen das Wurzelholzinterieur. Schnurrbärte, die außerhalb von Köln eigentlich verboten sind. Und spätestens an der Tankstelle, wenn die Fahrer beim Aussteigen ihre weißen Socken zeigen, offenbaren sie dass sie sich zwar ein teures Auto, aber keinen guten Geschmack leisten können. Dagegen sind Motorradfahrer gefeit. Unter den Stiefeln kann man die Sockenentgleisungen nicht erkennen. Und der Integralhelm mit Vollvisier lässt keinen Blick auf Schnauzbärte, pfiffige Brillengestelle und schlechte Frisuren zu. Kurzum, den Unterschied zwischen Sportwagen- und Sportmotorradfahrer macht vor allem eines deutlich: Kaum ein Sportwagenfahrer sieht aus wie Steve McQueen, aber fast jeder Motorradfahrer wie Uma Thurman.

(erschienen in Feld Hommes No. 2)

29.6.11 15:47


Zielgruppen, die niemand brauchen kann#1

Kerngehäuseresser

Das ist doch das Beste daran, wird Ihnen jeder Kerngehäuseesser bezeugen, wenn sie ihn fragen, warum er bis auf den Stiel - wenn er ihn nicht sogar mit verzehrt (siehe auch "Essen mit Stiel" - den ganzen Apfel im Stück aufisst. Im asiatischen Kulturraum mag es Usus sein, dass man möglichst alles an einem Lebensmittel verspeist. Welcher China-Reisende erinnert sich nicht gern an Süßsaure Rinderhufklöße oder Schließmuskel-Chopsuey. Dort gilt nach wie vor jenes mittelalterliche Essprinzip, das man möglichst alles verwendet, wer weiß, wann es wieder mal was Gutes gibt. Unsere Großeltern erinnern sich mit Wehmut an Papiersuppe und Baumrindenmuckefuck. was aber, sollen wir in unseren - hedonistischen Zeiten - in den beim Essen eher die conveniente Maxime gilt, möglichst alles einfach und mundgerecht zu verzehren. Äpfel gibt es ja mittlerweile zu Brei geschlagen in Plastikbechern, oder ganz smooth und trinkfertig in kleinen Fläschchen, an denen nur der Preis ganz groß ist. Unser Freunde, die Kerngehäuseesser würden sich eher ein Bein abhacken (und es nachher mild gewürzt aufessen), als einen Smoothie zu trinken. So was kann man doch auch ganz einfach zuhause oder unterwegs selbst machen, in dem man den Apfel eben einfach aufisst. Standardspruch vom Kerngehäuseesserstammtisch: Im Magen mischt sich doch eh alles zusammen, ha ha ha!

Kerngehäuseesser würden allein das Wort Smoothie nicht in den Mund nehmen. Nur weil es schon englisch ist. Dabei haben sie natürlich nichts gegen Fremdsprachen, wenn es von Fremden gesprochen wird. Sie haben auch nichts gegen Fremde oder Ausländer, obwohl sie dem Wesen nach alles andere als liberal sind. Sie können Smothietrinker zwar nicht ausstehen, würden sie deshalb aber nicht gleich in die U-Bahn nach Auschwitz stecken. Ein Umerziehungslager reicht vollkommen. Einer noch unveröffentlichten Statistik zufolge sind 100 Prozent aller Kerngehäuseesser Deutschlehrer oder zumindest Deutschlehrersympathisanten. 85 Prozent halten es für eine gute Idee, Restaurants von Musikverschmutzung zu befreien, 67 Prozent nennen ihre E-Mails Elektropost und 146 Prozent haben Dietrich Schwanitz' Kanon Deutscher Oberflächlichkeiten in ihren Fichtenholz-Bücherregalen stehen.

Die meisten männlichen Kerngehäuseesser tragen mit Vorliebe Cordanzüge mit Lederflicken an den Ellbogen. Wobei sie natürlich, bis auf die Lederflicken, das ganze Rind verzehrt haben. Zu diesem Zwecke haben sie in ihrem Keller riesige Tiefkühltruhen stehen, was für sie kein Problem ist, da sie alle  ein Eigenheim mit ausreichend Stellfläche bewohnen. Wenn sie nur über eine ungekellerten Bungalow verfügen, frönen sie einem aus Nordamerika eingeführtem Hobby der Trockenfleischzubereitung. Wobei sie penibel darauf achten, das so zubereitete Fleisch nicht etwa Jerky zu nennen, sondern nach dem alten indianischen Namen Charqui. Schließlich symbolisiert die Amerikanisierung des Trockenfleisches den Genozid der Ureinwohner. Neben dieser Beschäftigung praktizieren die Kerngehäuseesser Nordisches Gehen undoder Vogelbeobachtung als sportliches Hobby.

Während sie in Flur und Heide harren und kleine Kiebitze beim Vögeln beobachten, in aller Stille und mit sich im Reinen, hecken sie Gewaltfantasien gegen signalorange befrackte Treibjäger aus, wenn sie mit ihren Nordic Walking-Sticks die Parkwege für Regenwürmer lockern, lodert in ihnen der Hass gegen aufgehübschte Modejogger, denen sie am Liebsten ihre Stöcke zwischen die Beine werfen würden, um ihnen gleichzeitig Sätzen nachzuschleudern, in denen Termini wie Entschleunigung, Zeitläufte, Menschenmaß und Arschfickkackficksau vorkommen.

Ähnliche innere Konflikte beherrschen auch ihr Verhalten im Straßenverkehr, wenn sie beispielsweise mit 80 einen Laster überholen und von einem von 220 herunter bremsenden 5er-BMW gelichthupt werden. Da fahren sie an dem nächsten Parkplatz erst einmal vorschriftsmäßig rechts ran, erledigen zitternd ihre vom ADAC vorgeschriebene Pausengymnastik und verzehren - wenn sie wieder in guter mentaler Verfassung sind - einen vitaminreichen Pausenapfel. Inklusive Kerngehäuse.

Gott schütze uns vor ihnen.

Zielgruppenprofil: eher männlich, 35 - 75, verbeamtet
Haushaltsnettoeinkommen: überdurchschnittlich gut
Markenpräferenzen: Marken?
Markenpotenzial: Schneekoppe


21.6.11 15:58


When Harry Meets Barry

Oder was wäre passiert, wenn „Harry und Sally“ in einer Werbeagentur entstanden wäre

Harry und Sally

„When Harry meets Sally“, deutsch „Harry und Sally“, ist ein wunderbarer, von Nora Ephron geschriebener und Rob Reiner inszenierter Klassiker der neunziger Jahre. Er läutete ein ganzes Genre sogenannter romantischer Komödien ein und ist wohl einer der erfolgreichsten und beliebtesten Filme aller Zeiten. Ich kenne jedenfalls keinen, der – außer „Der Schatz im Silbersee“ vielleicht

öfter im deutschen Fernsehen wiederholt wurde. Harry und Sally bietet nicht nur eine spannende, verwickelte Handlung, intelligente, witzige Dialoge und sensationell gut aufgelegte Schauspieler. In diesem Film gibt es einzelne Szenen, die allein schon zu Filmklassikern wurden: der vorgetäuschte Orgasmus von Sally in „Katz Deli“, oder der todernste Dialog zwischen Harry und seinem besten Freund Jess im Footballstadion, der immer wieder von der La Ola unterbrochen wird. Für mich ist „When Harry meets Sally“ ist einer der intelligentesten, geschmackvollsten und anspruchsvollsten Filme, der trotzdem geschafft hat, Millionen Menschen zu begeistern. Das heißt im Umkehrschluss, so blöd wie viele meinen, kann die sogenannte Zielgruppe nicht sein. Ich frage mich daher immer, was wohl passiert wäre, wenn Nora Ephron Texterin in einer Werbeagentur gewesen wäre. Einem Ort also, wo Filme für die jeweilige Zielgruppe mit großer Akribie perfektioniert, abgeklopft und massentauglich gemacht werden, um im Markt eine möglichst große Erfolgschance zu haben. Und so würde das in etwa ablaufen.

Das Sofa.

Akt 1, Präsentation beim CD.

(Die Handlung von „When Harry meets Sally“ spielt in drei Zeitphasen. Harry und Sally lernen sich als Studenten auf einer Autofahrt von Chicago nach New York kennen, und können sich nicht ausstehen. Dann treffen sie sich – mittlerweile beruflich gesettled – zufällig auf einem Flug nach New York wieder, beide stecken oder steckten in irgendwelchen Beziehungskisten, und Harry findet Sally nun deutlich attraktiver, Wieder ein paar Jahre später laufen sie sich in New York über den Weg. Nun beginnt die Haupthandlung: eine platonische Freundschaft, dann Liebe, Sex, der darauffolgende Schock, die Trennung und das herbeigesehnte Happy End. Interessanterweise werden zwischen die Episoden kurze Sequenzen eingeschnitten, in denen verschiedene alte Paare auf einem Sofa sitzen und mit ihren kleinen Liebesgeschichten die eigentliche Filmhandlung einrahmen. Das ist besonders deshalb von Bedeutung, weil am Ende Harry und Sally es sind, die auf diesem Sofa sitzen und ihre Liebesgeschichte erzählen) Die Texterin sitzt im Büro des CDs und wartet. Vor ihr auf dem Schreibtisch liegt ihr Manuskript. Es ist zerlesen, viele gelbe Post-its kleben darin. Neugierig will sie schauen, was dort angemarkert ist, doch sie traut sich nicht, denn ihr Chef könnte jeden Augenblick hineinkommen, und sie will sich nicht anmerken lassen, wie nervös sie ist, und möglichst cool und überlegen scheinen. Sie weiß, dass sie ein großartiges Manuskript geschrieben hat. Damit wird sie die Präsentation gewinnen. Die Agentur retten. Millionen begeistern. Sie sieht sich bereits auf einer Bühne stehen. Und eine Frau mit unverschämt tief ausgeschnittenen Kleid überreicht ihr lächelnd einen goldenen Nagel. Sie hat nur ein Problem: Wird auch ihr CD von dem Text begeistert sein? Er ist borniert, er ist unfähig, er hat keinen Geschmack, er ist versaut und nimmt sie nicht richtig ernst. Die Texterin kaut noch den Rest ihrer Fingernägel weg und steckt sich eine an. Da kommt der CD rein und denkt, Mann, ist die nervös. Er setzt sich in seinen Sessel, grabbelt sich ebenfalls eine Zigarette aus ihrer Packung und steckt sie an. „Darf ich?“ fragt er erst hinterher und klatscht mit der flachen Hand auf das Manuskript. „Ganz groß“, sagt er dann und lehnt sich zurück. Die Texterin, die eben noch möglichst cool blickte, verliert nun völlig die Fassung und schnattert los: „Ja nicht, ist es nicht süss. Und witzig. Da sind köstliche Gags drin. Meine Freundinnen haben sich kaputt gelacht. Die Szene mit dem Orgasmus! Und der Dialog am Anfang, als er ihr sagt, Männer und Frauen können keine Freunde sein, weil immer der Sex zwischen ihnen steht. Ich hab das meinem Freund gezeigt, der hat natürlich so getan, als wenn das nicht stimmte, also stimmt es doch. Ich meine, das wird ein Blockbuster, oder? Alle werden es lieben. Wir verfilmen es, ja? Sally muss unbedingt Meg Ryan spielen, die ist so süss naiv und kann so sexy sein. Und Harry muss ein cooler Junge spielen. Kennst du Billy Crystal? Aus der Saturday Night Show? Der ist soo großartig, wenn der die Schote mit Mr. Zero bringt, dann...“ So genau hat der CD den Text natürlich nicht gelesen. Dafür hat er eigentlich keine Zeit. Aber er nickt trotzdem. „Ja, cool, ich mein Meg Ryan ist wirklich sexy, fast ideal, würd ich sagen, sie braucht sich nur die Haare rot färben. Und – wie hieß der andere noch mal? Billy Caruso?“ „Billy Crystal!“ „Denn kennt doch keiner.“ „Also, den kennen alle!“ Die Stimme der Texterin wird eine Spur lauter. „Na ja, egal“, meint der CD dann und sieht ihr tief in den Ausschnitt. „Das ist auch ein Nebenkriegsschauplatz. Mir macht was ganz anderes Sorgen...“ „Sorgen!“ Bei der Texterin läuten die Alarmglocken. „Na ja, das ganze ist schon etwas kompliziert, oder?“ „Also“, ruft sie, „das ist doch puppeneinfach, die beiden treffen sich und lernen sich kennen, und gehen dann auseinander und treffen sich wieder und...“ „Ja genau“, unterbricht er sie. Sein Telefon klingelt, aber er lässt es läuten, weil er ihr zeigen will, dass er sie wichtig nimmt. Aber er schielt nervös auf das Nummerndisplay, denn er erwartet einen Anruf seines Therapeuten. „Das ist es ja gerade. Diese Zeitsprünge. Ich denke, den ganzen Anfang kann

man doch weglassen, diese langweilige Autofahrt. Der Quatsch mit dem Männer und Frauen können keine Freunde sein...„Aber das stimmt doch“ sagt sie ärgerlich. Er schüttelt den Kopf. „Nora, wir sind doch auch Mann und Frau, oder? Und zwischen uns steht doch auch nichts sexuelles“, sagt er und bemüht sich, nicht auf ihre enorm großen Brüste zu starren. „Also, die ganze Zeit nur Dialog, keine Handlung, keine Ausstrahlung und dann, wie sehen die dann aus in ihren Jogginganzügen... Nein, das geht schon handwerklich nicht. Zu lang! Das streichen wir.Die Texterin fällt aus allen Wolken. „Sag mal, bist du...„Das geht hier nicht darum, was ich gut finde und denke, sondern was unsere Zielgruppe denkt“, sagt er und nimmt ihr so den Wind aus den Segeln. „Also, wenn Du das vorn kürzt und dann noch diese überflüssigen Szenen auf dem Sofa lässt, das will doch sowieso kein Schwein sehen, diese alten Leutchen, dann wird das eine ganz große Sache.„Aber“, ruft sie, „das ist doch das Beste an dem ganzen Film.“ Verdammt , denkt sie ein Fehler, das ist natürlich nicht das Beste. Jetzt denkt er wieder, ich kann gut nicht von schlecht unterscheiden. „Nora“, sagt er dann, „du hast ein tolles Skript geschrieben. Dass es noch nicht hundertprozentig sein kann, muss dir doch klar sein. Nobody is perfect. Aber wir arbeiten hier doch alle im Team zusammen. Damit aus einem guten Skript ein richtig gutes wird, oder?Da war sie wieder, die Teamkeule. Sie sackt zusammen. „Also, du streichst diese Sofas raus, lässt den Anfang weg. Die beiden können sich doch auf dem Flughafen kennenlernen. Sie ist dann Stewardess oder so. Klingt auch logischer, nicht? Also straff das ganze ein bisschen. Mach es knakkiger. Ich glaube, das wird ein guter Film. Ein großer.Die Texterin steht auf und nimmt das Manuskript in die Hand. Sie sieht nun ein paar Jahre älter aus. Mit hängenden Schultern geht sie zur Tür. „Ach ja“, ruft er ihr hinterher, als sie schon in der Tür ist. „Und denk mal über die Namen nach. Harry und Sally, das findet doch niemand wirklich gut, oder?

Wagenrad.

Akt 2, erste interne Abstimmung mit der Beratung.

(Mary und Jess, die besten Freunde von Harry und Sally ziehen frisch verheiratet zusammen. Dabei stellt Jess seinen ganzen Stolz aus Studententagen, einen Couchtisch, der aus einem alten Wagenrad und einer darüber gelegten Glasplatte besteht im Wohnzimmer auf. Es beginnt nun ein Streit zwischen Mary und Jess, ob dieser merkwürdige Tisch etwas in der neuen Wohnung zu suchen hätte. Wobei Harry am Ende Partei für Mary ergreift, und den beiden dann darlegt, dass sie im Falle einer Scheidung Tausende von Dollar Anwaltskosten ausgäben, um herauszufinden, wem dieser geschmacklose Tisch zustehe) Man sitzt im Konfi. Der Etatdirektor ist mit seinem Assi da, der CD hat zur Unterstützung den übellaunigen Seniortexter mitgebracht (der eigentlich selbst gern CD wäre, aber unfähig ist vorm Kunden zu präsentieren und dieses Manko mit viel Zynismus und Boshaftigkeit innerhalb der Mauern der Agentur kompensiert), und natürlich – als unwichtigste Person und einzige Frau in der Runde - die Texterin, die das Ganze geschrieben hat. Die Luft ist in jeder Hinsicht ziemlich dick. Alle lesen das Skript. Manche lachen. Die Texterin beugt sich dann neugierig vor, um zu gucken, an welcher Stelle gelacht wird. Besonderes Augenmerk richtet dabei auf den Etatdirektor. Lacht er? Findet der das witzig? Mit ihrem CD ist sie den Text nämlich schon durchgegangen. Die Kreation steht wie ein Mann hinter dem Skript. „Sehr lustig“, sagt nun der Etatdirektor. „Aber ob die das verstehen?“ Kinnladen klappen runter. Gesichter verziehen sich. Man will aufspringen und ihn anbrüllen. Doch der CD hält seine Texterin zurück. Noch weiß man nicht, wen der Etatdirektor meint. Ist er wieder mal der vorauseilende Anwalt des Kunden oder spricht er schon von der Zielgruppe. Zum Kunden könnte man ihn jederzeit mit jedem Manuskript treten, da genügte ein Anruf bei Greg, Irving oder David in New York, die ihm die kreative Reputation der Agentur ins Gedächtnis rufen würden. Mehr Sorgen macht allerdings das dicke Büchlein, das der Assi des Etatdirektors nun hervorzieht. „Hier, die KuZuStu 3/91...“ Kuzufu? Die Texterin sieht ihren CD fragend an. „Kundenzufriedenheitsstudie“, flüstert der ihm zu. Schon steht der Assi am Flipchart und legt unmissverständlich dar, dass die Zielgruppe weder in der Lage ist, noch Gefallen daran findet, einen Beziehungsstreit im Film zu verfolgen. „Erstens: Sie verstehen eine Diskussion auf diesem hohen Niveau nicht, da muss man noch einmal ans Wording! Und zweitens:...“ Er wendet sich beflissen an die Texterin. „... ich weiß, wir reden hier über ein Produkt für Frauen, und du bist die einzige Frau in diesem Raum - (er lächelt sie schleimig an) - und noch dazu eine sehr attraktive, aber wir reden hier über Eskapismus. Und die Studie zeigt eindeutig, dass die Frauen zwischen 25 und 45 – und die sind eindeutig unsere Zielgruppe – ein extrem großes Problem damit haben, in Situationen wo sie aus ihrem Alltag fliehen wollen, mit eben diesen Alltagssorgen und dem ganzen Beziehungsscheiß konfrontiert zu werden.“ Da sind alle erst einmal sehr betroffen. Besonders die Kreativen, die der Eskapismuskeule leider nichts mehr entgegenzusetzen haben. Der Etatdirektor wendet sich nun direkt an den CD. „Könnt ihr das glätten?“ Der CD denkt an seine Gewinnbeteiligung und nickt. Und die Texterin fängt gleich an zu weinen. Die Szene wird nun fast zusammengestrichen: Harry ist jetzt nicht mehr anwesend. Mary sagt, der sieht aber gar nicht schön aus, der Wagenradtisch. Und Jess sagt dann, ja du hast recht. Dann küssen sie sich. Und Jess trägt den Wagenradtisch auf die Straße, wo er zufällig Harry trifft, der sagt: Hey super, kann ich den Wagenradtisch haben, den kann ich gut für meinen Partykeller gebrauchen! „Das ist sehr gut“, lobt der Etatdirektor, „da unterstreichen wir sehr schön den etwas verschrobenen Charakter von Harry. Das ist sehr witzig, ich glaube, dass werden alle sehr, sehr witzig finden.“ Und wieder weiß keiner so recht, wen er meint, den Kunden oder die Zielgruppe. Man will nun gerade auseinandergehen, alle kippen schon fast um, denn der Sauerstoffmangel in dem Raum ist enorm. Da beugt sich der Seniortexter, der die ganze Zeit den Mund gehalten hatte langsam vor und sagt kalt lächelnd: „Wagenrad? Ich glaub, das ist geklaut. 1956, „Die Spur des Mustangs“, oder so, ein Film mit Richard Widmark oder Montgomery Clift, da haben die Indianer ihn an ein Wagenrad gebunden und gefoltert...“ „Aber das ist doch ein ganz anderer Kontext“, unterbricht ihn die Texterin schrill, „das hat doch mit unserem Film nichts zu tun. Nur weil ein Wagenrad... Immer musst du meine Sachen abschießen mit dem Hinweis auf alte Filme.“ Der Seniortexter zuckt mit den Achseln. „Wenn wir klauen, werden wir beim ADC nichts gewinnen.“ Da nickt auch der CD. Der Etatdirektor lächelt seinen Assi an und gibt ihm ein Zeichen. Daraufhin sagt der Assi: „Na, das mit dem ADC ist wirklich doof, aber ich glaube eher, dass das Wagenrad Dislikes bei der Zielgruppe erzeugen wird. Wenn die den sehen, denken die doch gleich an Marterpfähle und so.“ Der Seniortexter, der eben noch in seiner Eitelkeit mit großem Filmwissen prahlte, fühlt sich nun bemüssigt, die Kreation zu verteidigen. „Nun mach mal halblang, Axel, das handelt sich hier schließlich um ein Wagenrad, kein Schwein denkt da an Folter.“ An dieser Stelle beginnt nun eine viertelstündige Diskussion über das Für und Wider von Wagenrädern. Der Etatdirektor bietet an, noch einmal das Skript durchzugehen, wobei es ihm gelingt, den Dialog nun auch von der letzten wirklich witzigen Pointe zu bereinigen. Mit größter Mühe schaffen es dagegen, CD, Texter und der herbei geeilten Art Director, das Wagenrad zu retten. Allerdings wird es nicht mehr Gegenstand des Streits zwischen Mary und Jess, sondern bleibt lediglich Requisit, was der Art Direktor richtig cool findet, weil im Schanzenviertel gerade Countrymusic ziemlich hip ist.

Orgasmus.

Akt 3, Schulterblick mit Kunden.

(Harry und Sally sitzen bei „Katz Deli“, essen Sandwiches und unterhalten sich über Sex. Harry erzählt Sally, was er für ein toller Hecht im Bett ist und Sally findet das ziemlich arrogant. Denn Harry meint, er würde jede zum Orgasmus bringen. Auf die Frage, wie er das merken würde, meint er cool, er merke es eben. Daraufhin beginnt Sally mitten im Restaurant einen lauten Orgasmus vorzutäuschen. Alle schauen und eine Frau am Nebentisch bemerkt zum Kellner, dass sie genau das zu essen hätte, was Sally gerade hatte) Beim CD klingelt das Telefon. Der Etatdirektor ist am Apparat. „Ich sag dir eins“, kommt er gleich zur Sache, „mit der Orgasmusszene gehe ich nicht zum Kunden. Das schießen die uns sofort ab.“ „Wie bitte“, bellt der CD ins Telefon, „wir haben jetzt drei Meetings hinter uns und das Manuskript steht. Nora hat die ganze Nacht umgeschrieben!“ „Das ist mir egal. Das musst du ihr eben schonend beibringen. Aber die Szene geht nicht. Der Kunde steht echt auf der Kippe, wenn wir den verlieren, dann gibt es richtig Ärger mit New York.“ So wie der CD gern mit den amerikanischen Agenturgründern Greg, Irving und David droht, pflegt der Etatdirektor seine Trümpfe Bruce, John und Wayne ins Spiel zu bringen. „Was stört dich denn?“ fragt der CD butterweich. „Die Szene ist wirklich lustig und alle wollen sehen, wie Meg Ryan beim Orgasmus aussieht, aber muss es ausgerechnet in einem Restaurant sein. Können die denn nicht zuhause sitzen?“ „Du meinst“, lacht der CD, der immer wieder aufs Neue überrascht ist, wie flach das Niveau des Etatdirectors ist, „sie sollen beim Candlelightdinner sitzen und sie täuscht ihm einen Orgasmus vor? So ohne Publikum, dass ist doch nicht lustig!“ „Warum nicht? Ich habe das gestern abend meiner Frau erzählt und sie hat herzlich gelacht.“ Der CD ruft bei seiner Texterin an und bittet sie, die Szene noch schnell umzuschreiben. Sally täuscht Harry nun zuhause einen Orgasmus vor. „Beim Sex?“ fragt sie. „Nein, beim Essen, sonst ist es doch nicht lustig.“ „Und wer sagt dann, genau das möchte ich auch essen?“ „Das sagt dann Harry“, entscheidet der CD genervt und wirft den Hörer auf die Gabel. Da hätte sie auch selbst drauf kommen können. Eine Stunde später sitzen sie im Konfi. Der Marketingleiter ist da. Schulterblick ist angesagt, dass heißt der Marketingleiter prüft, ob das Präsentierte seinem Chef gefallen würde. „Super“, sagt er, als der CD mit seiner Aufführung geendet hat. Er hat sich wie immer ins Zeug legen müssen und mit dem Manuskript in der Hand den Film richtig vorgetanzt. Das ist in den Augen des Etatdirektors auch dessen einzige Existenzberechtigung. Denn er würde sich niemals dafür hergeben, sich jaulend auf dem Boden zu wälzen, um Meg Ryan beim Orgasmus darzustellen. „Super, ich muss euch wieder einmal beglückwünschen, wie ihr es geschafft habt, in so kurzer Zeit so eine Fülle von Ideen auf den Tisch zu legen. Echt supi, Leute.“ Mit dem Marketingleiter ist man schon auf Du, inklusive Koksbriefchen, Puffbesuchen und schlüpfrigen Witzen. „Also, da muss man nur noch ein paar Kleinigkeiten... Aber dafür sitzen wir ja hier, oder?“ Er grinst in die Runde. Er hatte zwar in deutsch immer eine Vierminus gehabt und Witze kann er auch nicht erzählen, aber er weiß instinktsicher, was ein guter Film war und was nicht. Seine Lieblingsband ist Pur. Der Etatdirektor hat sich schon den Kugelschreiber gegriffen, bereit zu notieren. Der CD schaut dem ML in die Augen und versucht mit telepathischen Mitteln, das Schlimmste zu verhindern. „Also das mit dieser Sally stört mich einfach. Das ist so unoriginell. Da hab ich eigentlich mehr von euch erwartet...“ Er schaut erst den Etatdirektor an, dann den CD. Der wirft seinerseits dem Etatdirektor genugtuende Blicke zu. Sie hätten das Skript doch so lassen sollen, wie es war. Der CD notiert sich schon einmal: Nora anrufen!

„Das ist alles so konventionell, so glatt, wir brachen aber mal was neues. Wie wäre es, wenn nicht Harry und Sally ein Paar wären, sondern Harry und Jess. Ich finde das passt doch, der sieht ohnehin so richtig schwul aus mit seinem Schnurrbart...„Harry und Jess!“ kreischt der CD. „Du willst Harry und Jess zum Pärchen machen? Wie soll denn bitteschön Jess Harry einen Orgasmus vortäuschen?Der Etatdirektor fiel auch aus allen Wolken. Schwule in der Werbung? Das ist mindestens genauso schlimm wie Farbige oder Türken. Aber wenn der Kunde es so möchte? „Mutig!“ entscheidet der Etatdirektor. „Mut ist auch genau das, was unsere Marke braucht.Der CD kann es nicht glauben. „Dann müssen wir ja alles umschreiben... Das Wagenrad... Die Szene im Footballstadion...„Ach, ihr seid doch kreativ“, sagt der Marketingleiter jovial. „Ihr seid mit Abstand die beste Agentur, die wir im Stall haben“, erinnert er die beiden daran, dass es auch Konkurrenz am Markt gibt. „Komm“, sagt der Etatdirektor zum CD, „dann ist Harry natürlich nicht mit Jess im Stadion, sondern mit Sally und sie reden über Jess...„Aber Frauen beim Football?“ Der CD schaut zweifelnd in die Runde. „Nun gut, sie sind eben beim Ballett, das passt dann sowieso besser“, zwinkert der ML dem CD zu. „Und die La Ola? Soll die dort auch stattfinden?„Ihr denkt euch schon was lustiges aus“, lacht der ML und verlässt mit dem Etatdirektor den Raum. Der CD starrt auf seine Notiz. „Nora anrufen“ steht dort. Er streicht ihren Namen durch und ersetzt ihn durch den seines Therapeuten.

Happy End.

Akt 4, Präsentation beim Kunden.

(Harry läuft in der Sylvesternacht durch die Stadt. Er hat gemerkt, dass er Sally wirklich liebt und will sie nun noch vor Mitternacht erreichen, um ihr dann den fälligen Kuss zu geben. Sie hat sich auch schon ziemlich gelangweilt und starrt sehnsüchtig in den Nachthimmel. Harry schafft es natürlich noch rechtzeitig. Sie küssen sich. Feuerwerk. Happy End. Und schon sitzen sie auf dem berühmten Sofa und erzählen uns ihre Liebesgeschichte. Abspann) „Und dann sitzen Harry und Jess auf dem Sofa, halten Händchen und erzählen uns kichernd ihre Liebesgeschichte...“ Stille. Der CD hatte wirklich alles gegeben. Völlig außer Atem lässt er das Manuskript sinken und starrt nun wie alle im Raum den Vorstandsvorsitzenden an, einen Mitte Sechzigjährigen, ein Duzfreund von Helmut Kohl und Kirchenvorstand in St. Michaelis. Der Vorstandsvorsitzende weiß nicht so recht, wie er aus dieser peinlichen Situation herauskommen soll. Er findet das Ganze unerträglich, doch möchte er auch nicht als unmoderner Knacker gelten. Und schließlich hat sein Marketingleiter

in einer 40-minütigen Strategiepräsentation eindeutig bewiesen, dass die Zielgruppe, also die Frauen zwischen 25 und 45 auf Homosexuelle nur so abfährt. „Mutig!“ brummt er. „Das müssen wir in den Test geben.„Gute Idee“, ruft der Etatdirektor geflissentlich. Er weiß, das sie zum Testen eigentlich keine Zeit haben und der Marketingleiter nun sagen wird: „Aber Herr Vorstandsvorsitzender, wir haben eigentlich keine Zeit zum Testen. Die Schauspieler sind gebucht, die Location ist fixiert, jeder Ausfalltag würde uns Hunderttausende kosten.„Nun, dann sind wir in der Bredouille“, knurrt der Vorsitzende. „Ohne Test kann ich das nicht freigeben. Das werden sie verstehen. Das Risiko ist zu groß.„Aber Kolumbus konnte die Entdeckung Amerikas doch auch nicht testen“, ruft der CD laut. „Die Zeiten erfordern eben mutige Entscheidungen.Alle starren den CD an, der soeben sein Todesurteil unterschrieben hat. "Es gibt einen schmalen Grat zwischen Mut und Dummheit. Man muss es nur vermögen, ihn zu erkennen", sagt der Vorsitzende ruhig und blickt den CD scharf an. Er kann diesen Harlekin ohnehin nicht ernst nehmen. Wie kann man sich nur am Boden wälzen und wie eine Tunte einen Orgasmus vortäuschen? Widerlich. Dann steht er auf und beendet die Diskussion. „Lassen Sie sich was einfallen“, sagt er und blickt nun den Etatdirektor an. „Irgendetwas, das den Leuten gefallen wird. Das ist doch nicht so schwer, oder?Dann verlässt er grußlos den Raum. Alle starren sich an, jeder sucht den Schuldigen. „Das mit der Schwuchtel war so eine Scheißidee von Dir“, zischt der Etatdirektor dem CD zu. Der springt auf und will entgegnen, dass es die Scheißidee des hirnverbrannten Marketingleiters gewesen war, doch der Etatdirektor tritt an sein Schienbein und schneidet ihm das Wort ab. „Halt die Schnauze und tu, was ich dir sage. So kannst du deinen Arsch noch retten.Die Taktik wird schnell besprochen. Der CD nimmt alles auf sich, dafür entschuldigt ihn der Etatdirektor beim Vorstandsvorsitzenden und verspricht, dass er den CD nie wieder sehen müsse. Und der Marketingleiter sorgt im Gegenzug dafür, dass Greg, Irving oder David in New York nichts von diesem Fiasko erfahren werden. Dann machen sie sich an die Arbeit. (Harry sitzt allein auf dem Sofa und lächelt. Dann hört man ein Hecheln und Harry lacht an der Kamera vorbei. Harry klopft mit den flachen Händen auf seine Schenkel und ruft: „Komm! Komm!“ Dann springt ein Golden Retreiver auf seinen Schoß und schlabbert ihn ab. Harry lacht und küsst den Hund auf die Schnauze. „Bist ein guter Hund“, sagt er, „bist ein braver Hund, mein guter Barry!“ Ende und Abspann)

20.6.11 17:31





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